Jeder Maler hat den Wunsch, dass seine Bilder von einem breiten Publikum gesehen werden können. Das Bild „Frau mit Brosche“ des Malers Karl Henckel aus Horn schien verschwunden und in Vergessenheit geraten. Karl Henckel würde es sicher gefallen, dass sein wunderbares Portrait wieder aufgetaucht ist und der Öffentlichkeit erneut vorgestellt wird.

 

Frau mit Brosche, Karl Henckel (1881 - 1950), 1923, Öl auf Leinwand, 70 x 60 cm
Frau mit Brosche, Karl Henckel (1881 – 1950), 1923, Öl auf Leinwand, 70 x 60 cm

Das Portrait „Frau mit Brosche“ von Karl Henckel ist 2014 in dem Nachlass seines Malerkollegen August Willer entdeckt worden. Als Henckel das Bild 1923 malte, lebte er in Horn nahe der lippischen Residenzstadt Detmold. August Willer leitete zu der Zeit die Malerschule der Gebrüder Willer in Detmold. Wie Willer in den Besitz des Bildes kam, ist nicht bekannt. Sicherlich schätzte er die malerischen Fähigkeiten seines Künstlerkollegen Henckel, doch möglicherweise hatte er ihm auch finanziell aus der Klemme geholfen. Deutschlands Wirtschaft war am Boden und mit der Inflation geschah eine dramatische Geldentwertung. Als freischaffender Künstler im ländlich geprägten Lippe konnte Henkel seine Bilder vermutlich nicht immer leicht verkaufen. Den Willers ging es wirtschaftlich besser, da sie neben der Malerschule einen Handel für Handwerksbedarf führten.

Henckel war als Kunstmaler weit über die Region hinaus bekannt. Er studierte an der königlichen Kunstakademie in Dresden und später in Kassel unter seinem Professor Carl Bantzer. Bantzer hatte in Dresden die erste Professur für Freilichtmalerei und war zudem selbst ein bekannter impressionistischer Maler. Er nahm seinen Schüler Henckel mit in die traditionsbehaftete Künstlerkolonie Willingshausen. Henckel lernte bei Bantzer, mit den Augen zu malen und nicht mit den Händen. Das war das Wesen der impressionistischen Malerei. Es ging darum, den optischen Eindruck – die Impression – im Moment des Geschehens mit dem Pinsel auf die Leinenwand zu bringen. Zeichnerische Genauigkeit spielte dabei keine so große Rolle. Viel wichtiger waren Licht und Farben. Deshalb malten die Impressionisten im Gegensatz zu klassischen Ateliermalern bevorzugt spontan und im Freien.

Bluse mit ausladender Spitze um 1900 (Foto: Adriana Jarrar, Vintage Retro Shop)
Bluse mit ausladender Spitze um 1900 (Foto: Adriana Jarrar, Vintage Retro Shop)

Das Portrait „Frau mit Brosche“ zeigt eine attraktive, reife Frau mit hochgestecktem Haar, weit geschnittener Bluse mit schmuckvoller Spitze und einer auffälligen Brosche. Die Bluse stammt aus der Jahrhundertwende und war als das Bild entstand schon etwas aus der Mode. Aufgrund der Inflation musste selbst eine höhergestellte Frau auf schöne Kleidung aus früheren Zeiten zurückgreifen. Heute nennen wir diese Mode „Vintage Retro“ und finden sie nach wie vor chic. Aus der Bildperspektive schaut der Betrachter leicht zu der Frau auf, was ihrer charmanten Erscheinung noch mehr Würde verleiht. Henckel hatte sein Modell offenbar verehrt.

Der Lichteinfall von links erzeugt durch Reflexionen und Schattierungen Formen und Farbenvariationen auf Gesicht und Bluse. Der Blick des Betrachters fällt zuerst auf das Gesicht mit seinen angenehm freundlichen Zügen. Augen und Lippen sind fein gezeichnet. Der Lichtreflex auf der Stirn, die rötlichen Töne der Wangen und Lippen lassen das Gesicht lebendig wirken. Die Bluse wurde mit groben Pinselstrichen gemalt. Flächen aus Grau- und Brauntönen schaffen stoffliche Formen und Konturen der eigentlich weißen Bluse. Erst in einer gewissen Distanz zum Bild vermischen sich die Farben, so dass ein räumlicher Effekt entsteht.

Die Brosche – nur Ausdruck von Farben oder versteckte Botschaft?
Die Brosche – nur Ausdruck von Farben oder versteckte Botschaft?

Die groben gemalten Grünflächen im Bildhintergrund schaffen eine schimmernde Raumtiefe und eine Spannung zu den sanften rötlichen Tönen des Gesichts. Hier kommt zudem die Farbenlehre der Impressionisten zum Tragen: Grün mischt sich aus den Primärfarben Blau und Gelb, und bildet einen Kontrast zu der dritten Primärfarbe Rot.

Hier die großen Wahrheiten über die Farbe, an die Delacroix glaubte: Es gibt in der Natur drei Elementarfarben, die nicht auf andere zurückgeführt werden können, die Primärfarben Gelb, Rot, Blau. Wenn sich jeweils zwei von ihnen mischen, entstehen die Sekundärfarben Orange, Grün, Violett. Jede aus zwei Primärfarben gemischte Sekundärfarbe bildet mit der jeweils dritten Primärfarbe einen Kontrast, bei dem sich beide zur höchsten Intensität steigern, man nennt sie komplementär…“
Vincent van Gogh, (1853-1890), Maler Niederlande

Henckel kannte diese Farbenlehre. Das verrät auch das auffällige Accessoire im Bild, die goldgelbe Brosche. Deren Steine leuchten in den Farben Gelb, Blau, Grün und Rot. Der Blick des Betrachters wird davon magisch angezogen. Vielleicht steckt hinter der Brosche mehr als ein hübsches Accessoire – eine Botschaft. Ganz offenbar hatte Henckel einen Blick für die Schönheit und das Bedürfnis, sie ins Bild zu setzen. Vielleicht ist die Brosche ein Symbol seiner Bewunderung und Zuneigung zu der Frau, die er mit diesem Juwel verzierte oder verglich. Leider ist nicht bekannt, wer diese Frau war.

In einem Gespräch mit Robert Henckel (Junior), dem Neffen von Karl Henckel, am 22.4.2017 gab es eine kleine Überraschung. Er erklärte: „Ich habe das Bild der Frau wiedererkannt. Es hing bei den alten Willers (Richard Willer, Sohn von Maler August Willer) im Wohnzimmer. Als ich in den 1970er Jahren aus Tunesien zurückkam, wurde ich Betreiber des Filmtheaters Kaiserhof am Bahnhof in Detmold. Willer hatte zu der Zeit die Palette. Da wir in der gleichen Branche waren, besuchte ich die Willers hin und wieder zum Essen. Da hatte ich das Bild gesehen. Ob mein Onkel Kontakte zu August Willer hatte, weiß ich leider nicht.“

Sie können uns helfen!

Wir suchen Zeitzeugen rund um Karl Henckel und August Willer. Melden Sie sich dazu bitte an eMail: stephan.teiwes@sunrise.ch, Telefon: +41 56 406 2916.

Weitere Informationen:

  1. Biographie und Bilder der Brüder Karl und Robert Henckel, private Webpage von Herbert Pencke, Horn: www.sammlungen-penke.de/html/indexhenckel.htm
  2. Dissertation zu Karl Henckel von Hans-Friedrich Meyer, Die Werke des Malers und Graphikers Karl Henckel (1881-1950), Universität Saarbrücken, 1992.
  3. Landesverband Lippe: Alte lippische Maler http://www.kulturagentur-online.de/index.php?id=727
  1. Biographie von Carl Bantzer: http://dresden.stadtwiki.de/wiki/Carl_Bantzer
  2. Treffpunkt-Teiwes: „Die Willers – Geschichte einer lippischen Unternehmerfamilie“: www.treffpunkt-teiwes.de/tag-des-offenen-denkmals-2014/
  3. Vintage Kleidung auch heute noch chip, Adriana Jarrar: www.vintage-retro-shop.de

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