Die schönsten Geschichten schreibt das Leben. In 2014 entdeckten wir in einem Nachlass ein bis dahin unbekanntes Portraitgemälde des lippischen Malers Karl Henckel. Wir haben dem Bild den Titel „Frau mit Brosche“ gegeben und über den spannenden Fund hier auf Treffpunkt Teiwes berichtet. Nun bekommt die Geschichte ein weiteres Kapitel.

Gemälde „Ausblick aus einer Bauerndiele“, Öl
Gemälde „Ausblick aus einer Bauerndiele“, Öl

Nachricht aus Schweden

Am 29. September 2016 erreicht mich ein e-Mail aus Kristianstad, Schweden: „Hallo! Ich denke, es ist interessant für Sie zu erfahren, dass ich vor wenigen Tagen dieses Gemälde von Karl Henckel aus Horn gefunden habe. Ich mag es! Viele Grüße, Oskar.“ Ein Foto des Gemäldes ist angefügt. Das Licht einer Frühlingslandschaft durchdringt den Schatten in der Diele eines Bauernhauses. Beim Anblick des Bildes fühle ich mich an einen anderen Ort und in eine frühere Zeit zurückversetzt. Ein ausdrucksstarkes Bild – ein typischer Henckel!

Ich schreibe Oskar spontan zurück und beglückwünsche ihn zu seinem Fund. „Das ist ein wunderbar authentisches Gemälde! Können Sie uns mehr darüber berichten und wie es nach Schweden gelangt ist?“, frage ich neugierig. „Ich habe es auf einer Internet-Auktion in Malmö erstanden“, erklärt Oskar. „Ich mag, wie der Maler mit dem Licht arbeitet. Doch ich wusste zum Zeitpunkt des Kaufs nichts über den Künstler. Als ich seine Unterschrift auf dem Bild sah, war ich so gespannt, mehr über ihn zu erfahren. Ich recherchierte im Internet und landete auf Treffpunkt Teiwes.“

Oskar berichtet über das Gemälde: „Es ist auf Leinwand gemalt und hat die Masse 63 x 73 cm. Links unten hat der Künstler signiert. Außerdem ist auf der Rückseite des Gemäldes ein kleiner Zettel befestigt mit dem Titel des Gemäldes: Ausblick aus einer Bauerndiele.“ Auf meine Bitte recherchiert Oskar noch einmal bei dem Online-Auktionshaus in Malmö. Doch es sind keine weiteren Informationen zur Herkunft des Bildes in Erfahrung zu bringen. Der ursprüngliche Besitzer bleibt verborgen. Es gibt jedoch Gründe anzunehmen, dass sich das Gemälde bereits in Schweden befand.

Ein Schwede inspirierte Henckel

Karl Henckel wurde 1881 in der Kleinstadt Horn bei Detmold geboren und war sein Leben lang von der Kunst beseelt, ebenso wie sein Bruder Robert. Das ist nicht selbstverständlich, denn zu der Zeit galt die Malerei im ländlich geprägten Lippe verbreitet als „brotlose Kunst“. Jemand musste die Begeisterung im jungen Karl Henckel geweckt haben. Und da kam eigentlich nur einer in Frage. Die Horner nannten ihn schlicht „den Schweden“. Gemeint war der Maler Anders Olsson Montan aus Malmö.

Sein Vollbart, die hochgezogenen Augenbrauen und der Fedora verliehen Montan ein prägnantes, freundliches Aussehen. Seit etwa 1885 kam er regelmäßig in seinen Ferien nach Horn um zu malen. Hier im Lipperland fand Montan Kulissen und Motive, wie er sie liebte: große, dunkle Räume in alten Bauernhäusern, Schmieden oder Burgen, und Menschen, die darin lebten und wirkten. Seine Gemälde begeistern bis zum heutigen Tag. Dieser außergewöhnliche Mann und seine Begabung mussten auf den jungen Karl eine faszinierende Anziehung ausgeübt haben.

Montan erhielt Aufträge von der Industrie und nahm an Ausstellungen mit internationaler Bedeutung teil. Er war erfolgreich. Karl erkannte, dass Kunst ganz und gar nicht brotlos sein musste. Und sie verschaffte einem die Möglichkeit, frei und kreativ zu wirken. Er wollte so sein wie der Schwede. Das beweisen die Motive einiger Bilder von Karl Henckel, die den Vorlieben von Anders Montan folgen. Montan hatte unter anderem die „Deele eines lippischen Bauernhauses“ um 1900 gemalt und die „Frau am Herd“, wobei ebenfalls Licht durch eine Außentür in einen dunklen Innenraum fällt. Henckels „Ausblick aus einer Bauerndiele“ ist ein vergleichbares Thema. Das Gemälde befindet sich heute nur unweit von Montans Geburtsort Malmö. Schließt sich hier womöglich ein Kreis?

Ein Zwillingsbild taucht auf (Bild rechts: Lippische Landesbibliothek)
Ein Zwillingsbild taucht auf (Bild rechts: Lippische Landesbibliothek)

Geheimnisvolles Zwillingsbild

Ich beginne zu recherchieren. Es muss doch weitere Informationen zum Gemälde geben. Wichtige Anlaufpunkte sind die Datenbank der Lippischen Landesbibliothek und die private Webseite von Herbert Penke, einem Heimatfreund aus Horn. Volltreffer! Die Überraschung ist perfekt: ich stoße auf das Foto eines Ölgemäldes auf Leinwand mit dem gleichen Motiv. Doch der Titel ist etwas anders: „Blick aus einer Deele in Heesten“. Deele bedeutet Diele auf lippisch Platt, der damals üblichen lippischen Mundart. Besonders interessant ist der Hinweis auf den angeblichen Ort des Motives. Heesten ist ein Dorf, nur wenige Kilometer von Horn entfernt. Die Datenbank macht jedoch keine weiteren Angaben zum Gemälde oder Urheber des Fotos.

Beim Betrachten des Fotos fallen die Schäden auf dem Ölgemälde ins Auge. Das Gemälde ist mit einer Schutzschicht, einem Firnis, überzogen. Ein guter Firnis soll ein Bild konservieren und dessen Farben besser zur Geltung bringen. Doch dieser Firnis sieht mitgenommen aus. Er ist verbräunt und hat Falten gebildet. Dadurch wirken die Farben dieses Gemäldes dunkler – ganz im Gegenteil zu dem Gemälde, das Oskar erstanden hat.

Der Bildvergleich offenbart feine Unterschiede
Der Bildvergleich offenbart feine Unterschiede

Es drängt sich die Frage auf: ist Oskars Gemälde das restaurierte Original oder es gibt zwei Gemälde von demselben Motiv? Um die Frage zu beantworten, muss man die Fotos der beiden Gemälde ganz genau nebeneinander betrachten. Die Übereinstimmung der beiden Bilder ist groß – doch es gibt feine Unterschiede. Oskar bestätigt: „Ich erkenne auch kleine Differenzen in den Bildern. Aber sie sind fast identisch. Es ist erstaunlich! Ich kann nicht erkennen, dass mein Gemälde restauriert wurde, bin aber darin kein Fachmann.“ Es gibt also tatsächlich zwei Gemälde! Henckel musste sich große Mühe gegeben haben, nahezu identische Gemälde herzustellen. Das war für ihn gut möglich, solange er Zugang zum Original hatte. Wahrscheinlich wurden beide Gemälde etwa zeitgleich erstellt.

Versuch einer Datierung

Karl Henckel prägte manchen seiner Bilder ein Jahresdatum auf, doch nicht in diesem Fall. Wir wissen also nicht, wann Henckel den „Ausblick aus einer Bauerndiele“ fertigstellte. Die Datenbank der Lippischen Landesbibliothek gibt dazu auch keine Hinweise. Ich trete in Kontakt mit der Kunsthistorikerin Vera Scheef vom Lippischen Landesverband in Detmold. Vielleicht weiß sie mehr.

„In seiner Biographie, die Hermann Ludwig Schäfer in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Lippischen Landeszeitung verfasst hat, schreibt er an einer Stelle, dass Henckel in der Zeit von 1928 bis 1932 durch größere Farbfelder auf seinen Gemälden eine größere Wirkung im Gegensatz der Farben erzielte. Die Bildtiefe wird dadurch beeinträchtigt, und von dieser Darstellungsweise rückte Henckel dann wieder ab. Die Flächigkeit in beiden Fotos ist ansatzweise erkennbar, und so hätten wir einen Datierungsansatz des Ölgemäldes, das möglicherweise zwischen 1928 und 1932 entstanden sein muss“, argumentiert Scheef, fügt aber hinzu: „Das ist aber nicht gesichert, weil das Original erst wirklich Aufschluss geben kann. Es ist schwierig, eine Datierung nach Fotos zu beurteilen.“
Vielleicht hat Karl Henckel noch einen weiteren Hinweis hinterlassen. Es gibt von ihm andere Gemälde, deren Motive auch Dielen von Bauernhöfen zeigen. Von dem Gemälde „Blick in eine Deele“ ist das Fertigungsjahr bekannt. Henckel malte es 1924. Bauerndielen waren also ein Thema für Henckel zu der Zeit. Von daher ist zu vermuten, dass das Gemälde „Ausblick aus einer Bauerndiele“ etwa Mitte bis Ende der 1920er Jahre entstand.

Kunst im Lipperland in den 1920ern

Es war bei den lippischen Malern nicht ungewöhnlich, dass sie auch mal zwei Gemälde von ein und demselben Motiv anfertigten. Schließlich ging die Herstellung eines Duplikats schneller und kostengünstiger als die eines Originals. Ein Künstler musste eben wie jeder andere für sein Auskommen Geld verdienen.

Die 1920er Jahre waren in der jungen Weimarer Republik wirtschaftlich sehr schwierig. Bis 1925 erlebten die Menschen eine dramatische Geldentwertung begleitet von einer hohen Arbeitslosigkeit. Danach begann zwar der Aufschwung, doch die Arbeitslosigkeit blieb auf hohem Niveau. Angestachelt durch die Missstände in dieser Zeit entwickelte sich die Kunst mit neuen avantgardistischen Stilrichtungen und wurde zunehmend politisch.

Dagegen verfolgten die impressionistisch beeinflussten Künstler im ländlich geprägten Lippe weiterhin ihre Heimatmalerei mit romantischen oder idyllischen Motiven. Es waren die besonderen Reize der Hügellandschaft des Teutoburger Waldes mit seinen verträumten Fachwerkstädten und das Spiel des Lichts mit der Natur, die Künstler aus Großstädten wie Düsseldorf und Berlin anzogen. Sie wollten dem Trubel und Trübsal, die sie ständig umgaben, entgehen. So entstand in dem malerischen Städtchen Schwalenberg eine Künstlerkolonie, zu der sich auch Karl Henckel immer wieder gesellte.

Spurensuche

Mir geht es nicht aus dem Kopf: Deele in Heesten. Ist das Gemälde tatsächlich in Heesten entstanden? Das Motiv gibt keine direkten Anhaltspunkte zum Ort, zeigt aber einige Auffälligkeiten. Beim Blick durch die Dielentür erkennen wir zunächst einen kleinen Vorhof, auf dem ein Pflug abgestellt ist. Dahinter befinden sich ein Weg oder eine Straße, eine eingezäunte Wiese mit Bäumen, vielleicht ein Obstgarten, im Hintergrund sanfte Hügel.

Am Wegrand guckt ein Meilenstein etwa 80 cm hoch aus dem Graben. Solche Meilensteine wurden im 18. und 19. Jahrhundert von der Post aufgestellt, um Entfernungen zu bestimmen, nach denen Beförderungszeiten, Personenpostsätze oder das Paketporto berechnet wurden. Die Meilensteine jüngeren Datums waren schmuckloser gestaltet, so wie der auf Henckels Gemälde.

Bemerkenswert ist auch das hölzerne Dielentor. Es hat nicht wie üblich zwei große Türflügel, sondern besteht aus drei Türelementen, wobei die mittlere Tür wiederum in obere und untere Türhälften geteilt ist, die sich separat öffnen lassen. Über der Tür ist ansatzweise ein Torbogen zu erkennen.

Ich nehme Kontakt mit Herbert Penke aus Horn auf. Er ist ein Kenner der Henckel-Brüder und betreibt eine Webpage mit wertvollen Informationen zu den Künstlern. Kann er feststellen, ob „unser Gemälde“ in Heesten angefertigt wurde? Herbert Penke unterstützt die Recherche und schaltet dazu seine Bekannten in Horn und Heesten ein. „Häuser sind im Bild nicht dargestellt, was bedeutet, dass der Blick vom östlichen Ortsrand in die Landschaft gerichtet wäre. Für die Blickrichtung mit eher abfallendem Gelände kommt damit ebenfalls nur Osten infrage“, so die Beobachtung eines Heesteners. Dann setzt er fort: „Mir ist kein Haus in Heesten bekannt, das diese Voraussetzungen erfüllt oder erfüllt haben könnte.“ Wir rätseln. Ortsrand ist richtig – aber östlich? Die Landkarte zeigt im Nord-Osten einen nahgelegenen bewaldeten Hügel. In Richtung West-Nord-West besteht dagegen freie Sicht über Felder, durch die der Silberbach fließt und schließlich zu einem der schönsten Wandergebiete in Lippe führt.

Unsere Suche konzentriert sich auf ein Bauernhaus mit einem dreiteiligen Tor und einem Torbogen, an einem Weg oder einer Straße gelegen, mit Blick auf eine Wiese und Hügel in der Ferne, falls die Sicht im Laufe der Zeit nicht zugebaut worden ist. Vielleicht existiert noch der Meilenstein am Straßenrand. Von unseren Heestener Helfern kommt lange Zeit keine Reaktion. Die Zweifel nehmen zu – ist das Gemälde doch woanders entstanden? Am 26. Oktober 2016 meldet sich Herbert Penke: „Das Haus ist identifiziert und steht noch.“ Hurra!

Treffen mit Herbert Penke in Horn
Treffen mit Herbert Penke in Horn

Reise nach Lippe

Eine Reise ins romantische Lipperland ist wunderschön. Nicht umsonst hat es immer wieder Künstler hierhin gezogen. An dem sonnigen Winternachmittag des 7. Januar 2017 treffe ich Herbert Penke in Horn. Er ist bereit, mir die Geburtsstadt von Karl Henckel zu zeigen und mehr über den Künstler zu berichten. 1881 wurde Karl Henckel hier geboren. Er war der Jüngste von fünf Brüdern, neben einer Schwester. Als Kind traf er auf Anders Montan, den Schweden, der ihn so sehr beeindruckte. Die Eltern Luise und Georg Henckel schickten ihren Sohn zur Firma Klingenberg in die nahegelegene Residenzstadt Detmold, wo er als Lithograph arbeiten sollte. Sie hofften vielleicht, dass ihr Sohnemann seine fixe Idee, echter Maler zu werden, vergessen würde. Doch dem war nicht so. 1908 verließ Karl seine Heimat, um Kunst an den Akademien in Dresden und später in Kassel zu studieren.

Hier stand das Wohnhaus von Karl Henckel
Hier stand das Wohnhaus von Karl Henckel

„Hier stand das Wohnhaus von Henckel“, Herbert Penke zeigt auf das Haus mit der Nummer 34 an der Mittelstraße im Stadtkern, unweit der Kirche. „Genau dort, wo das Café Röwe steht.“ Ein farbenfrohes Relief am Dach zeigt einen Diener, der Kaffee und Kuchen serviert und den Schriftzug „Anno 1935“. „Das Relief ist wahrscheinlich von Karls Bruder Robert, der als Bildhauer künstlerisch wirkte und in der Region sehr bekannt wurde“, erklärt Penke.

Familie Henckel mit Nachbarn auf der Mittelstraße ca. 1905 (Quelle: C. W. Isermann)
Familie Henckel mit Nachbarn auf der Mittelstraße ca. 1905 (Quelle: C. W. Isermann)

Wie es hier in der Mittelstraße vor gut 100 Jahren aussah, zeigt ein einzigartiger Schnappschuss in dem Buch „Nachrichten und Notizen über die Stadt Horn“ des Heimatforschers C. W. Isermann. Da steht Familie Henckel mit ihren Nachbarn wie auf einem Strassenfest vor der Haustür. Der Autor erklärt das Bild in seinem Buch: „Foto etwa aus dem Jahre 1905. Die Häuser an der Mittelstraße von links nach rechts: Haus der Familie Henckel, Bäckerei Röwe, Matthäus, Brakhage, Böger. Die Personen von links nach rechts: Pastorensohn (?), Luise Henckel, Georg Henckel (die Eltern des Malers und des Bildhauers Henckel), dann mit dem Hündchen die Tochter Lieschen Henckel. Es folgen mehrere Unbekannte… Die drei Häuser links bilden nach Umbau heute die Bäckerei und das Cafe Röwe.“

Die Häuser Deppe und Lüdkemeier in Heesten

Auf den Spuren von Karl Henckel fahren Herbert Penke und ich gemütlich von Horn nach Heesten. Die Wintersonne wandert bereits dem Horizont entgegen und durchflutet die sanfte Hügellandschaft mit einem tiefgelben Licht. Henckel würde es gefallen. Als die ersten Häuser von Heesten in Sichtweite kommen, sagt Penke zielsicher: „Die nächste Einfahrt rechts“. Wir biegen in die Heestener Straße ab und nähern uns zwei Bauernhäusern auf der rechten Straßenseite. „Wir sind da. Links neben dem kleineren Haus können wir parken.“

Die Häuser Deppe und Lüdkemeier
Die Häuser Deppe und Lüdkemeier

Wir steigen aus und besichtigen die beiden Fachwerkhäuser. Es scheint sich um die typische Konstellation für eine bemittelte Bauernfamilie zu handeln: ein Haupthaus für den Bauern und eine Leibzucht, also ein kleines Haus, für den betagten Seniorbauern und dessen Frau. Hier soll Karl Henckel sein Bild gemalt haben. Der spontane „Aha-Effekt“ bleibt bei mir jedoch aus. Penke könnte durchaus Recht haben. Doch welche Hinweise gibt es, die seine Behauptung bestätigen? Und sollte seine Behauptung zutreffen, in welchem Haus hätte Henckel gemalt? Schließlich befindet sich in beiden Häusern eine Diele.

Die Leibzucht, das Haus mit der Nummer 19, ist mit einer modernisierten Haustür versehen, die vom Charme des einstigen Tors nichts übrig gelassen hat. Immerhin ist der alte Torbogen mit der Inschrift erhalten geblieben. Er verrät, dass hier 1870 Heinrich Christoph Deppe mit seiner Frau Dorothe lebte.

Historischer Torbogen von Haus Deppe
Historischer Torbogen von Haus Deppe

ICH BAUE NICHT AUS STOLZ UND NICHT AUS ÜHBERMUHT ALT HAUS IST VERGEHN
IN FEUERSGLUHT LEHGEST DUH WAS AUF SOH HIELFES AUCH TRAHGEN GIB MIR
GEDULT IN LEIDEN ZEIT UND SEIIN GUR IN BÖHSEN TAHGEN MEINTROST MEIN RAHT
UND MEINE FREUDE GIB DAS MEIN HERZ AUF DICH NUR BAUT UND DIER GOTT ALLEIN VERTRAUT
HEINRICH CHRISTOPH DEPPE UND DEN 3TEN JUNI DOROTHE REHKER AUS LEOPOLDSTHAL
DEN 3TEN JUNI 187 – Z.M.B.P

Schöne alte Bauernhäuser mit ihren Torbögen und Hausinschriften sind von lokal-historischer Bedeutung und werden daher systematisch erfasst. Das macht zum Beispiel die Lippische Landesbibliothek, aber auch heimatverbundene und historisch interessierte Menschen wie Herr Penke sind dabei aktiv. Penke zeigt er mir ein Foto des Eingangstores aus dem Jahr 1970.

Dielentür von Haus Deppe 1970 (Bild Herbert Penke)
Dielentür von Haus Deppe 1970 (Bild Friedrich W. Pahmeier)

Das Tor wirkt authentisch, ist vermutlich im originalen Zustand, mit drei Türelementen, wobei sich die Hälften der Mitteltür getrennt öffnen lassen – wie auf dem Gemälde von Karl Henckel. Im oberen Segment weist das Tor zwei kleine Fenster auf, um den Innenraum der Deele zumindest teilweise zu beleuchten. Doch wir wissen: der Innenraum der Deele auf Henckels Gemälde ist im Halbdunkel. Fenster hätten einen zusätzlichen Lichteffekt erzeugt. Zweifel kommen auf.

Ein Ortsansässiger ist angesichts der fremden Besucher in Heesten neugierig geworden. Während im Herbert Penke ihm unser Anliegen erläutert, nehme ich unmittelbar vor der Tür von Haus Deppe Position ein. Etwa von hier hätte Karl Henckel in die Landschaft geblickt, als er sein Gemälde anfertigte. Der Eindruck stimmt erstaunlich gut mit dem „Ausblick aus einer Bauerndiele“ überein! Da ist die Straße, dahinter die eingezäunte Wiese mit Bäumen und im Hintergrund befinden sich sanfte Hügel. Über die Jahrzehnte haben sich die Baumformationen verändert. Der Lattenzaun ist sichtbar gealtert, stellenweise beschädigt oder zerfallen. Alleine der Meilenstein, den Henckel in seinem Gemälde verewigte, ist nicht mehr auszumachen.

Blick von Haus Deppe
Blick von Haus Deppe

Meilensteine stehen unter Denkmalschutz und dürfen nicht beseitigt werden. Die Praxis ist jedoch nicht selten anders, wie die Forschungsgruppe Meilensteine e.V. aus Sponholz bei Genthin beklagt. Aus Unkenntnis werden bei Straßenbauarbeiten Meilensteine immer wieder vergraben, abtransportiert oder zerschreddert. Es bleibt uns nicht verborgen, dass auch vor Haus Deppe die Straße aufgebuddelt und erneuert wurde. In unmittelbarer Nähe des Hauses befinden sich zudem zwei Telefonverteiler¬kästen an der Straße, die auch auf Bauarbeiten hinweisen. Womöglich ist der alte Meilenstein den Straßenbauarbeiten zum Opfer gefallen oder im Boden versunken.

Es ist wahrscheinlich, dass bei der Straßenerneuerung nur der Belag, nicht aber der ursprüngliche Verlauf verändert wurde. Das ist wichtig für unsere Untersuchung, denn die Straße ist auf Henckels Gemälde sichtbar und verläuft nahezu waagerecht. Von Haus Deppe betrachtet, verläuft die Straße in einem leicht abfallenden Winkel. Folglich stimmen meine Position und Blickrichtung nicht. Henckel malte also nicht hier, sondern im Haupthaus der Familie Lüdkemeyer mit der Nummer 13.

Dielentür von Haus Lüdkemeyer
Dielentür von Haus Lüdkemeyer

Das Tor des Haupthauses wirkt unscheinbar. Es gibt keinen historischen Torbogen, dafür aber auch hier sichtbare Veränderungen am Tor. Holz und Türen in einfacher Bauweise sind nicht mehr original. Doch die Grundelemente des Tores, drei Türsegmente unten, sind erhalten geblieben. Und da ist noch etwas Auffälliges: am Fuß der linken Torseite befindet sich im Mauerwerk ein Keil, so dass man gezwungen war, das Holz entsprechend anzuschneiden. Ein solcher Keil ist auch auf dem Gemälde von Henckel zu erkennen.

Identifikationsmerkmal: Keil an der Dielentür
Identifikationsmerkmal: Keil an der Dielentür

 

Ich stelle mich vor die Mitteltür des Tores und schaue erneut in die Landschaft. Die Straße verläuft nahezu waagerecht. Dahinter die Landschaft. Es besteht kaum ein Zweifel, dass Karl Henckel seine Gemälde „Blick aus einer Deele in Heesten“ und „Ausblick aus einer Bauerndiele“ hier anfertigte.

Henckels Ausblick aus der Diele und Blick von Haus Lüdkemeyer
Vergleich mit Henckels Ausblick aus dHenckels Ausblick aus der Diele und Blick von Haus Lüdkemeyer er Diele

Fragen bleiben offen

Wir sind glücklich und auch etwas erstaunt darüber, wieviel wir über das Gemälde, das Oskar auf der Auktion erstanden hatte, in Erfahrung bringen konnten. Doch einige wichtige Fragen sind offen geblieben: Wann und wie ist das eine Gemälde nach Schweden gelangt? Gibt es einen Zusammenhang zu Anders Montan? In welcher Beziehung standen Montan und Henckel zueinander? Und wo befindet sich das Gemälde „Blick aus einer Deele in Heesten“ heute? Wir haben nachgeforscht. Trotz großer Unterstützung durch das Lippischen Landesmuseum, der Lippischen Landesbibliothek und auch durch Robert Henckel Junior konnten die Fragen bisher nicht beantwortet werden. Wir bleiben dran.

Henckels Bild interpretiert

Zum Abschluss wollen wir die Kunst von Karl Henckel noch einmal so richtig genießen. Der Kunstliebhaber und Fachmann Peter Klapprot aus Hagen (NRW) hat für uns schon zuvor Gemälde interpretiert. Was sieht er in dem Gemälde von Karl Henckel? Peter Klapprot schreibt dazu:
Wie ein Bild im Bild wirkt die halb geöffnete Dielentür auf dem Gemälde von Karl Henckel. Drinnen herrscht Halbdunkel während draußen die Frühlingssonne an Kraft gewinnt. Weiß blühen die drei alten Obstbäume, der Pflug steht bereit.

Im Hell-Dunkel-Kontrast betont Henckel die Polarität von Drinnen und Draußen. Dieses opake, wenig differenzierte Braun des Dielentors verleiht dem Bild Gravität und betont die luftigen grünen und blauen Pastelltöne im Frühlingslicht. Auch die nahezu mittig geteilte Komposition greift das Thema der Gegensatzpaare Hell/ Dunkel und Drinnen/ Draußen auf.

Mit diesem Bild knüpft der Maler aus dem Lipperland an die romantische Tradition der Fenstermotive an, die mehrfach bei Caspar David Friedrich zu finden sind. Diese Motive gelten als typisch für die romantische Sehnsuchtsperspektive. Symbolisch steht die Situation an Fenster oder Tür für die Schwelle zwischen Geborgenheit und Gefahr, Einsamkeit und Welt, auf einer tieferen Ebene für Diesseits und Jenseits. – Die Beispiele für Fenstermotive bleiben allerdings nicht auf die Romantik beschränkt; sie reichen vom Barock (Jacobus Vrel: Dame am Fenster, 1651) bis zum Futurismus (Umberto Boccioni: Der Lärm der Straße dringt ins Haus, 1911).

Henckel, geboren 1881 in Horn bei Detmold, hat nach seiner Lehre als Lithograph in Dresden Landschaftsmalerei bei Professor Carl Bantzer studiert. Dort muss er die Gründung der Künstlervereinigung der BRÜCKE zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mitbekommen haben. Doch die Malerei der nervösen Pinselstriche und schreienden Farben scheint ihn nicht angesprochen zu haben. Er kehrte 1921 in seine Heimat zurück und widmete sich in seinem Werk, das lippische Landleben festzuhalten.
Vordergründig gehört auch das vorliegende Bild in diese Traditionsmalerei. Durch die beschriebene Gestaltung des Motivs weist es darüber hinaus. Der ausgebildete Maler Henckel kennt nun die Gegensätze von Landleben und großer weiter Welt in der Stadt, und er weiß um die Grenze dazwischen. Er kennt auch die damit einhergehenden Gefühle, das Zögern, vielleicht die Angst und den Zweifel. Und er hat sich entschieden. Gleichsam einer Reminiszenz an die Welten, die er nun kennt, lässt er in seinem Bild einen erdigen Realismus auf eine luftige impressionistische Auffassung treffen.

Seinem Gemälde mit der offenen Tür fehlt allein die für das Motiv typische Rückenfigur, die stellvertretend auf der Schwelle steht und hinausschaut. Im Ansatz übernimmt der Hund unten rechts im Bild diese Rolle. So wie die geöffnete untere Tür auffordernd auf den Betrachter zeigt, wartet der wachsame Hund auf einen Impuls, ein Signal um loszustürmen hinaus in die wieder erwachende Frühlingswelt.

Danksagung

Ein ganz herzliches Dankeschön geht an folgenden Personen, ohne deren enthusiastische Mithilfe dieser Artikel nicht entstanden wäre: Oskar Hazelius, Kristianstad, Schweden; Robert Henckel Junior, Horn; Peter Klapprot, Hagen (NRW), Herbert Penke, Online-Sammlung Henckel, Horn; Fried Petringmeier, Heesten; Jochen Reuter, Horn; Friedrich W. Pahmeier, Lemgo; Vera Scheef, Landesverband Lippe, Detmold; Klaudia Wolf, Lippische Landesbibliothek, Detmold; Michael Zelle, Lippisches Landesmuseum, Detmold.

Sie können uns helfen!

Wir suchen Hinweise rund um Karl Henckel und seinem Gemälde „Blick aus einer Deele in Heesten“ sowie zu Anders Montan. Ein wichtiger Zeuge wäre Dr. Hans-Friedrich Meyer, den wir aber noch nicht gefunden haben.

Melden Sie sich dazu bitte an eMail: stephan.teiwes@sunrise.ch
Telefon: +41 56 406 2916.

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