Blick auf die Grotenburg, Öl auf Sperrholz, ca. 75 x 60 cm
Blick auf die Grotenburg, Öl auf Sperrholz, ca. 75 x 60 cm

Reflexartig greift er zur Staffelei mit dem Sperrholzbild. Ein Windstoß hätte sie beinahe umgeweht. Er drückt das Gestell fest in den Boden, bis es stabil steht. Sein Blick richtet sich zum Himmel. Wolken in grauen und merkwürdig erdfarbenen Tönen ziehen tief über die Hügelkette des Teutoburger Waldes und werfen Schattenbilder auf das grüne Land. Aus dem Gipfel der Grotenburg ragt das Schwert des Hermann. Die Luft ist klar. Das Schwert ist deutlich zu erkennen. Es zeigt gegen Westen, von wo die Wolken heranziehen. Der Wind rauscht durch Bäume und Büsche. Bruno Wittenstein spürt die Natur in Bewegung und Veränderung. Die Aussicht vom Hangstein ins Ostertal ist wundervoll – ein Postkartenbild weithin bekannt. Doch eine idealisierte Postkartenstimmung berührt Wittenstein wenig. Bei Wind und Wetter wirkt die Natur intensiver und wahrhaftiger. Es ist, als würde ihr Schauspiel mit ihm sprechen. Diese Stimmung möchte Bruno Wittenstein im Bild festhalten. Für einen Moment erscheint dieses Ziel aussichtslos, da sich die Farbtöne im wandelnden Licht der ziehenden Wolken laufend verändern. Dann greift er entschlossen zum Pinsel und beginnt das Sperrholz zu bearbeiten: erst die Umrisse der Landschaft, dann die Farben… So in etwa könnte sich die Szene abgespielt haben, als der Maler Bruno Wittenstein vor etwa 100 Jahren sein Bild „Blick vom Hangstein auf die Grotenburg“ malte. Der Teutoburger Wald und das Hermannsdenkmal spielten in seinem Leben eine wichtige Rolle.

Am Donoper Teich, Bruno Wittenstein, 1907, Öl auf Sperrholz, 58 x 48 cm
Am Donoper Teich, Bruno Wittenstein, 1907, Öl auf Sperrholz, 58 x 48 cm

 

Bruno Wittenstein war sehr naturverbunden und hatte eine besondere Vorliebe für geheimnisvoll anmutende Orte. Davon gibt es im beschaulichen Lipperland so einige. Sie berühren Wanderer und Naturfreunde bis zum heutigen Tag. Ein märchenhafter Ort, der Wittenstein in den Bann zog, war der Donoper Teich in der Nähe des Detmolder Ortsteils Hiddesen. Inmitten des Waldes befindet sich das stille Gewässer umgeben von Quellen, Heideflächen und Wacholderbeständen. Wittenstein malte hier mehrfach. Aus seinen Bilder spricht die Kraft der schönen, stillen Einsamkeit, von der auch der Dichter Hermann Löns schwärmte.

„Die Einsamkeit wollte ich haben,
nicht die schmerzliche, traurige, verlassene – die nicht,
aber meine stille, gute, kluge, liebe Einsamkeit,
die mir zuredet mit leisen Worten,
die mir ihre stillen Lieder singt,
und mit mir geht, stumm und froh…
am Donoper Teich standen wir dann lange
und sahen in die klare Flut,
in der Nixenkraut grün vom Grunde wucherte;
uralte Bäume flüsterten und rauschten…“
„Frau Einsamkeit“ von Hermann Löns

„Bruno Wittenstein ist ein Anhänger des malerischen Realismus und den Ideen der Freilichtmaler verhaftet“, schrieb Hermann Ludwig Schäfer 1956 in seinem Bericht in der lippischen Landeszeitung. Schäfer kannte Wittenstein persönlich und konnte ihn gut einschätzen. Doch Wittenstein war auch ein Romantiker, der das Geheimnisvolle und Poetische stiller Orte in der Natur spürte und immer wieder in seinen Bildern thematisierte. Er hatte eine lebendige Malweise mit deutlichem Pinselstrich, verzichtete aber bewusst auf lebhafte Farben und auf Details zugunsten der Authentizität und Ausstrahlung der Naturmotive.

Die Wildhütte im Naturschutzwald Lippe, 1907, Öl auf Sperrholz, 58 x 48 cm
Die Wildhütte im Naturschutzwald Lippe, 1907, Öl auf Sperrholz, 58 x 48 cm

Eine einsame Hütte im Wald, schon etwas betagt und im Begriff, von der Natur zurückerobert zu werden. Ein wunderbares Motiv von Bruno Wittenstein. Es handelt sich hierbei um die Wildhütte im ehemaligen Naturschutzwald Lippe zwischen Hiddesen und dem fürstlichen Jagdschloss Lopshorn, das 1945 abgebrannt war. Die Hütte diente als Futterspeicher für Wildtiere und existiert heute nicht mehr. In Wittenstein’s Bild rahmen zwei mächtige Bäume die Szene ein. Die gewählte Perspektive suggeriert, dass die Hütte von Baumstämmen getragen wird.

Ursprünge der Familie Wittenstein

Die Familie von Bruno Wittenstein hatte ihre Wurzeln in der Gegend von Wuppertal. Im Jahr 1775 verliess Cornelius Wittenstein seinen Heimatort Möllenkotten aus besonderem Grund: er wollte Henriette Krüger aus Horn bei Detmold heiraten. Henriette war die Witwe des verstorbenen Wirts des Gasthauses mit Poststation in Horn, heute ist es das „Landgasthaus Zur Post“. Cornelius Wittenstein führte das Gasthaus weiter. Regelmässig machten die Boten und Kutscher der Thurn-und-Taxis’schen Post auf dem Weg nach Paderborn Halt und berichteten von den Schrecken durch die Französische Revolution. Cornelius Wittenstein galt als gebildet und weitsichtig. Wohl deshalb wurde er 1784 zum Ratsherren und 1808 zum Stadtkämmerer von Horn gewählt. Sohn Friedrich-Cornelius II. baute den Postbetrieb weiter aus und stellte dafür Einspänner und Pferde zur Verfügung. Daneben betrieb seine Verwandtschaft auch die Gastwirtschaft an den nahegelegenen Externsteinen. Auf einer Lithographie von etwa 1830 vermutet Elisabeth Wittenstein ihre Vorfahren dargestellt in einem Garten sowie fahrend in einer Kutsche vor der einmaligen Kulisse des Sandsteinmonuments.

Familie Wittenstein vor grossartiger Kulisse der Externsteine (Lithographie von Wilhelm Tegeler, ca. 1830, Quelle: Lippische Landesbibliothek)
Familie Wittenstein vor grossartiger Kulisse der Externsteine (Lithographie von Wilhelm Tegeler, ca. 1830, Quelle: Lippische Landesbibliothek)

Während sich einige Familienmitglieder aufmachten in Richtung USA und Argentinien, blieben andere in der Region. Der Sohn von Friedrich-Cornelius, Friedrich-Conrad Cornelius III., führte das väterliche Geschäft in Horn weiter und ergänzte es um eine Weinhandlung. Das gehobene Bürgertum und die hohe Geistlichkeit im nahegelegenen Erzbistum Paderborn zählten zu den guten Kunden. Womöglich führte der Weinhandel Cornelius III. öfter in das Rheinland. Es wurden Filialen in Hamm und Lippstadt eröffnet, über die fortan die Weinlieferungen nach Horn erfolgten. Cornelius III. hatte neun Söhne und eine Tochter. Sohn Heinrich-August übernahm den Betrieb vor Ort. Wilhelm-Cornelius zog es nach Lippstadt und Karl-Wilhelm nach Hamm, um zu heiraten und die Weinfilialen der Familie zu leiten.

Weinhandlung Wittenstein und Carl Meiers Restaurant, Detmold ca. 1885 (Quelle: Lippische Landesbibliothek)
Weinhandlung Wittenstein und Carl Meiers Restaurant, Detmold ca. 1885 (Quelle: Lippische Landesbibliothek)

Als die Post zunehmend auf die Eisenbahn verlegt wurde, verkauften die Wittensteins ihren Betrieb 1871 in Horn und zogen nach Detmold in den Renaissancebau in der Langen Straße Nummer 19, wo sich heute das Hotel „Detmolder Hof“ befindet. In bester Lage, nur unweit vom Schloss, öffnete Heinrich-August wieder eine Weinhandlung. Elisabeth Wittenstein beschrieb Heinrich-August und seine Frau als liebevolle und sehr naturverbundene Menschen. Die „Atmosphäre“ im Haus war wichtiger als „Geld verdienen“, heißt es.  Obwohl das Ehepaar fünf Kinder hatte, übernahm Karl-Wilhelms Sohn Felix den Betrieb der Weinhandlung in Detmold. In der Festschrift zur 1900-Jahrsfeier der Schlacht im Teutoburger Wald von 1909 befindet sich eine Werbung der Weingrosshandlung C. Wittenstein mit einem Hinweis, dass Felix Wittenstein Inhaber und auch Hoflieferant war. Er genoss also Privilegien am Fürstenhof für Lieferungen von Wein und womöglich weitere Dienste.

Stadt Hamm um (Quelle: Hammer Verkehrsbuch, 1902)
Stadt Hamm um (Quelle: Hammer Verkehrsbuch, 1902)

Aufgewachsen in Hamm in Westfalen

Bruno Wittenstein kam am 17. September 1876 in Hamm in Westfalen zur Welt. Seine Eltern Karl-Wilhelm Wittenstein und Sophia Berning betrieben die Weinhandlung C. Wittenstein in Hamm, die später Brunos Bruder Felix übernehmen sollte. Es war die Zeit des deutschen Kaiserreichs, geprägt durch Hochindustrialisierung, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, starkes Bevölkerungswachstum und die Monarchie. Moderne traf auf Tradition – politische und gesellschaftliche Konflikte waren absehbar, nicht hingegen die Gefahren durch die Macht der Technologie.

Auch die beschauliche Hansestadt Hamm erlebte den wirtschaftlichen Aufschwung. Wie in der umliegenden Region, wurde auch in Hamm nach Kohle gesucht – erfolglos. Stattdessen, völlig unverhofft, stiess man bei Bohrungen auf eine Solequelle. So wurde 1882 das Thermal-Solbad Hamm gegründet. Im „Hammer Verkehrsbuch“ von 1902 schreibt Felix Wittenstein über den Aufschwung in Hamm: „Das Gemeindewesen, Handel und Wandel, Gewerbe und Industrie, Kunst und Wissenschaft haben sich gut entwickelt… Heute beginnt mit Hamm das grosse Rheinisch-Westfälische Industriegebiet, und die Stadt, die sich nur langsam entwickelte, wird, nachdem die Anlage von Kohlezechen in nächste Nähe beschlossene Sache ist, einen grossen Aufschwung nehmen.“

Mit dem Kurbetrieb kamen betuchte Gäste in die Stadt. Davon profitierte auch die Weinhandlung Wittenstein. Gemäss einer Werbung im Hammer Verkehrsbuch befand sich das 1873 gegründete Haupthaus im „Cölner Dom“ in der Weststrasse sowie eine Filiale am Markt in der Widumstr. 1.

Werbung Weingrosshandlung Wittenstein (Quelle: Hammer Verkehrsbuch, 1902)
Werbung Weingrosshandlung Wittenstein (Quelle: Hammer Verkehrsbuch, 1902)

Bruno durfte das örtliche Gymnasium besuchen. In Hamm gab es genau ein Gymnasium, und das war bedeutend: das „Akademische Gymnasium zu Hamm“. Hier bildeten qualifizierte Lehrer den Nachwuchs aus – mit Erfolg: das Gymnasium brachte viele Persönlichkeiten aus Politik, Forschung und Kunst hervor. Ganz offenbar hatten die Lehrer eine besondere Beobachtungsgabe für die Talente ihrer Schüler. In einem Bericht in der Lippischen Landeszeitung von 1968 heisst es: „Schon während seiner Schülerzeit wurden die Lehrer auf die künstlerische Begabung des ungewöhnlich strebsamen Schülers aufmerksam.“ Sehr wahrscheinlich waren es Bruno Wittensteins Lehrer, die ihn darin bestärkten, seine künstlerischen Talente an den bekannten Kunstakademien weiter auszubilden. So wurden in Hamm die Weichen für die Zukunft des jungen Bruno Wittenstein gestellt.

Studienjahre

Nach seiner Schulzeit machte sich der Bruno Wittenstein auf in das Abenteuer Kunst. Seine Eltern unterstützten ihn dabei, sonst hätte er sein Studium kaum finanzieren können. Die wesentlichen Stationen, die Bruno Wittenstein durchlief, waren Düsseldorf, Berlin, München und Rom.

Wahrscheinlich begann er sein Studium an der nahegelegenen Königlich-Preußischen Kunstakademie in Düsseldorf. Gemäss des Berichts von Hermann Ludwig Schäfer in der lippischen Landeszeitung von 1956 zog Bruno Wittenstein 1895 nach Berlin, um an der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin weiter zu studieren. Zu seinen Lehrern dort gehörten der Historienmaler Anton von Werner und die Figurenmaler Paul Hanke und Walter Friedrich. Anton von Werner galt als rückwärtsgerichtet, verhärtet und typischer Repräsentant des Wilhelminismus. Der Kaiser setzte die Kunst ein, um dem Volk traditionelle, konservative Positionen zu vermitteln. Moderne Stilrichtungen wie der Impressionismus und Expressionismus lehnte er ab. Anton von Werner, der eine zentrale Rolle in den Berliner Kunstinstitutionen einnahm, war für den Kaiser der richtige Mann, um die Kunst in seinem Sinne zu lenken. Von Werner wurde sogar zum künstlerischen Berater des Kaisers ernannt. Vielleicht war dem jungen Wittenstein der Mangel an künstlerischer Freiheit an der Berliner Akademie etwas suspekt. Doch sicherlich gab es monetäre Gründe, die ihn in eine andere Richtung trieben.

1896 zog Bruno Wittenstein nach München, um sein Studium an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste fortzusetzen. Die Akademie verhielt sich gegenüber den neuen Kunstrichtungen aufgeschlossen und wurde zu einem Magnet für die späteren Protagonisten der Moderne. Der Maler Paul Höcker wurde im Dezember 1891 als Professor an der Akademie berufen und galt dort als der erste „Moderne“. Das wäre in Berlin undenkbar gewesen. Und es gab noch einen weiteren Vorteil in München: König Ludwig I. förderte die zeitgenössische Kunst und Kultur in einem unvergleichlichen Ausmaß. In München konnten Künstler nicht nur überleben, sondern zu Vermögen gelangen.

In seinem Bericht schreibt Hermann Ludwig Schäfer, dass Wittenstein einen Figuren- und Landschaftsmaler aus der Begas-Künstlerfamilie kennenlernte. Schäfer gab dabei nur an, dass es sich um einen Bruder des Bildhauers Reinhold Begas handelte, und dass dieser einen Kontakt zu Franz von Lenbach herstellte. Die Begas-Brüder waren alle künstlerisch begabt und aktiv. Doch der einzige Bruder, der 1896 neben Reinhold noch lebte, war der Bildhauer Karl Begas (der Jüngere). Karl hatte einen Sohn im Alter von Bruno Wittenstein. Ottmar Begas, der in Rom geboren war, studierte Malerei u.a. für eine kurze Zeit in München. Es ist belegt, dass er 1898 bei Franz von Lenbach lernte. Es war also sehr wahrscheinlich Ottmar Begas, den Bruno Wittenstein in München kennenlernte. Die Portraits einer Dachauerin oder einer oberbayerischen Bäuerin aus dem Jahr 1897 belegen, dass sich Wittenstein in München auf die Portraitmalerei fokussierte.

Franz von Lenbach prägte im späten 19. Jahrhundert den Mythos von München als Kunststadt entscheidend mit. Er war weltgewandt und wusste sich als virtuoser Maler in Szene zu setzten. Der Kontakt zum dem berühmten Malerfürsten konnte nur durch Ottmars Vater Karl und Onkel Reinhold entstanden sein, die von Lenbach angeblich durch einen Studienaufenthalt in Rom und die gemeinsame Lehrtätigkeit an der Kunstschule in Weimar kannten.

Gemäss des Artikels von Hermann Ludwig Schäfer wurde Bruno Wittenstein durch Karl oder Ottmar Begas mit Franz von Lenbach bekannt. Das geschah sehr wahrscheinlich 1898, als Ottmar Begas bei Franz von Lenbach zeichnerische Studien vornahm. Bruno Wittenstein pflegte scheinbar ein gutes Verhältnis zu Ottmar. Und vermutlich tauschten sich die beiden während ihrer Studien in der Malerschule Fanz von Lenbach regelmäßig aus. Die Portraitkunst nach von Lenbach sollte für Bruno Wittenstein von Bedeutung werden. Schließlich malte er später selbst zahlreiche Portraits.

Gemäss Hermann Ludwig Schäfer unternimmt Bruno Wittenstein im Jahr 1900 eine Studienreise nach Rom. Viele Maler taten dies vor ihm, so auch Franz von Lenbach oder die Begas-Maler, um die „Alten Meister“ zu studieren. Wittenstein blieb ein Jahr in Rom. Gemäss Schäfer kam Wittenstein in der Fremde gut zurecht. In Künstlerkreisen galt er als gern gesehener Gast. Er knüpfte Bekanntschaften und malte Aquarelle und Ölgemälde mit Motiven aus Albaner Bergen und in der Campagna. Womöglich war diese Reise der krönende Abschluss von Wittensteins Studium, denn danach kehrte er in seine Heimatstadt Hamm zurück. Ein Portrait des preußischen Kultusministers und Präsidenten des Oberlandesgerichts Hamm, Adalbert Falk, zeigt, dass Bruno Wittenstein auch in seiner Geburtsstadt Hamm aktiv war.

Nach einer Auszeit zog es Wittenstein wieder nach Berlin und München. Angeblich gehörte er in München zur Gilde der freischaffenden Künstler. Es reiste an den Chiemsee und ins Berchtesgadener Land. Zur Jahrhundertwende entstand in München mit der Moderne ein Gegenpol zur konservativen Kunst. 1901 gründete Wassili Kandinsky die Gruppe „Phalanx“. Es ging um Freiheit und neue Ausdruckformen in der Kunst. Diesen Entwicklungen konnten Bruno Wittenstein nicht verborgen geblieben sein. Doch seine Lehrer kamen vom konservativen Flügel. So liegt der Schluss nahe, dass Wittenstein den Spuren seiner Lehrer folgte und die neuen Entwicklungen vermutlich eher skeptisch sah. Doch sicherlich war er auch kein erklärter Gegner. Das zeigt sich an seinem authentischen Malstil mit kräftigem Pinselstrich und impressionistischen Elementen.

Zu den Gründungsmitgliedern der „Neuen Künstlervereinigung München“ gehörte auch der Tonkünstler Oscar Wittenstein. Er stammte aus einer alteingesessenen, wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus Barmen und war Künstler, Unternehmer und Flugpionier. Oscar Wittensteins Sohn Jürgen schloss sich später der Widerstandsgruppe „Weisse Rose“ an. Die Familien von Oscar und Bruno Wittenstein hatten beide ihre Ursprünge in Wuppertal. Ob sich die Namensvetter in München je trafen, ist nicht bekannt. Es wäre ein interessantes Treffen gewesen.

Leben und Wirken in Lippe-Detmold

Angeblich war es Felix Wittenstein, der seinen Bruder Bruno im Jahr 1903 einlud, nach Detmold zu ziehen und dort zu wirken. Detmold war der Regierungssitz von Fürst Leopold IV. zu Lippe. Die Stadt war geprägt vom Schloss, dem Landestheater, dem Landtag und der Fürstlichen Bibliothek. Hier lebten prominente Persönlichkeiten aus Politik, Kirche, Kultur und Gesellschaft, also eine interessante Klientel für einen ausgebildeten Kunstmaler aus München. Dennoch galt Detmold nicht als besonders kunstverständige Stadt, und zudem war das kleine Fürstentum eher ärmlich. Die Industrialisierung zog nur mit grosser Verzögerung ein, vermutlich, weil es in Lippe keine Bodenschätz gab und der Fürst die neuen Entwicklungen skeptisch betrachtet. So spielte nach der Jahrhundertwende die Landwirtschaft immer noch eine zentrale Rolle in Lippe. Mit dem Bauboom, den die Industrialisierung in Deutschland auslöste, verliessen Menschen die Landwirtschaft und wurden Wanderarbeiter, so wie die lippischen Ziegler.

Blick auf Horn und die große Egge, ca. 1942, Öl auf Sperrholz, 60 x 73 cm (Quelle: Lippisches Landesmuseum)
Blick auf Horn und die große Egge, ca. 1942, Öl auf Sperrholz, 60 x 73 cm (Quelle: Lippisches Landesmuseum)

Fürst Leopold verfolgte zunächst einmal seine eigenen Interessen. Da kam ihm ein historisches Ereignis gelegen, mit dem das Volk geeint und auf alte Werte eingeschworen werden konnte. Im Jahr 1909 jährte sich die berühmte Varusschlacht im Teutoburger Wald zum neunzehnhundertsten Mal. Unter der Schirmherrschaft des Fürsten wurde eine grosse Feier mit Festzug geplant. Detmold war dafür prädestiniert, denn das Wahrzeichen der Schlacht, das Hermannsdenkmal, befand sich nur einen Fussmarsch entfernt. Die Brüder Wittenstein übernahmen bedeutende Rollen im Festzugsausschuss. Felix hatte die technische und Bruno die künstlerische Leitung. Die Zeichnungen und der Buchschmuck der Festzugsmappe sowie die Entwürfe der Festzugswagen wurden von Bruno Wittenstein erstellt. Der Festzug hatte mit etwa 1000 Statisten und 200 Pferden ein gewaltiges Aufgebot. Der Varusschlacht wurde damals eine ganz besondere historische Bedeutung zugemessen. Die einen sahen darin die Befreiung der Germanen von den römischen Besatzern, die anderen den Ursprung Deutschlands. Bei dem Mythos schwang eine Idealisierung und Überheblichkeit mit, deren Gefährlichkeit in der Euphorie nicht erkannt wurde.

Bruno Wittenstein erhielt vom Hof einen Auftrag, der für ihn einen Durchbruch darstellte. Er sollte im Detmolder Landtag ein Historiengemälde erstellen zu dem Thema: Der erste lippische Landtag von Graf Simon VI. im Jahr 1538 in Blomberg-Cappel. Wittenstein konnte nun anwenden, was er bei Anton von Werner gelernt hatte. Das Gemälde wurde 1912 fertig und befindet sich heute im Amtsgericht von Detmold.

Wie zurückgewandt der Fürst war, zeigte sich auch 1912, als er für sein Gendarmenkorps die ehemalige lippische Füsilieruniform von 1867 wiedereinführte – eine alte Soldatenuniform für die Polizei. Der Aufwand wurde für gerade mal 21 Gendarmen in 18 Stationen betrieben. Bruno Wittenstein erstellte im Auftrag farbige Abbildungen von diesen Uniformen. Es ist anzunehmen, dass auch Wittenstein in den Zeiten des Wandels an Traditionen festhielt, und gerne solche Aufträge vom Hof annahm. Doch das war sicherlich nicht die einzige Motivation. Wittenstein fehlte in Detmold etwas Wesentliches: es gab keine Galerie, keine Kunstszene und daher wenige Aufträge. Es brauchte einen neuen Impuls.

Die Werre mit Brücke im Sommer, Detmold Volkhausenstraße, Öl auf Sperrholz, 60 x 73 cm
Die Werre mit Brücke im Sommer, Detmold Volkhausenstraße, Öl auf Sperrholz, 60 x 73 cm

1913 versammelte Wittenstein einige freischaffende Künstler in Detmold mit der Idee, die Kunst vor Ort zu beleben und einen Markt aufzubauen. Geplant waren Kunstausstellungen, Gesprächsrunden und Malkurse. Doch die Idee schien unterzugehen in einer Zeit, als das hochgerüstete Deutschland sich auf den Krieg vorbereitete. Viele Männer wurden eingezogen oder melden sich freiwillig. Bruno Wittenstein blieb jedoch in Detmold. Er war nun 37 Jahre alt und sicherlich kein Avantgardist, der einen Glauben oder eine Hoffnung mit dem Krieg verband und sich deshalb angeboten hätte. Auf dem Lande bestand auch eine gewisse Skepsis angesichts des Krieges, denn den Menschen ging es so schon nicht gut, und die eingezogenen Männer hinterliessen schmerzhafte Lücken auf Bauernhöfen und in den Betrieben.

Lippe gehörte zum Deutschen Hinterland und spüre daher von den Kämpfen an den Fronten wenig. Doch die Bevölkerung litt zunehmend unter Versorgungsmängeln und hatte Kriegsopfer zu beklagen. Dennoch ging das Leben weiter.

Im Jahr 1917 gründete Bruno Wittenstein gemeinsam mit den Malern August Eberth und Ernst Rötteken den „Lippischen Künstlerbund“. Rötteken war aufgrund einer Verwundung gerade erst von einem Einsatz aus dem Krieg zurückgekehrt. Das Ziel des Künstlerbundes war es, lokalen Malern eine Plattform zu geben und die heimische sowie auswärtige Kunst zu fördern. Ihre grosse Vision bestand in dem Aufbau einer städtischen Galerie. Natur und Heimat waren wesentliche Kriterien des Künstlerbundes für die Kunst im konservativen und ländlich geprägten Lippe. Etwas Anderes wäre auf wenig Interesse gestossen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich Wittenstein der modernen Kunst verschlossen hätte. Quellen zufolge pflegte er gute sehr Kontakte zu dem Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus, der in Hagen das Folkwang-Museum gründete und eine Vorreiterrolle in der modernen Kunst hatte.

Waldstück mit sich neigenden, großen Kiefern, Donoper Teich, Öl auf Sperrholz, 46 x 50 cm
Waldstück mit sich neigenden, großen Kiefern, Donoper Teich, Öl auf Sperrholz, 46 x 50 cm

Mit dem Ende des Krieges im November 1918 stand die alte Welt endgültig zur Disposition. Als die die geschlagenen Soldaten auch nach Detmold zurückkehrten, hatte dort zwischenzeitlich eine Revolution stattgefunden. Der Fürst dankte ab und ein Volks- und Soldatenrat übernahm die Regierung. Das Fürstentum wandelte sich zu einem Freistaat. Anfang 1919 wurde ein neuer Landtag demokratisch gewählt, der eine neue Landesregierung bestimmte. Der Kopf des neuen Landespräsidiums war der Sozialdemokrat Heinrich Drake.

In den 1920er Jahren zog es spätimpressionistische Maler in den kleinen lippischen Ort Schwalenberg, um hier in der idyllischen Landschaft zu malen. Einige von ihnen kamen aus Berlin, Hannover und Düsseldorf. Es entstand eine Künstlerkolonie mit dem beliebten Treffpunkt „Künstlerklause“. Angeblich pflegte Bruno Wittenstein Kontakte zu einigen Malern in der Künstlerkolonie und kam dafür gelegentlich zu Besuch. Darüber hinaus sind jedoch keine gemeinsamen Aktivitäten mit den Schwalenbergern bekannt. Vielleicht lag es daran, dass Wittenstein malerisch einen anderen Stil und eigene Motive verfolgte.

Lippischer Schriftsteller und Mundartdichter Wilhelm Osterhaus
Lippischer Schriftsteller und Mundartdichter Wilhelm Osterhaus

Bruno Wittenstein war ein ausgebildeter Portraitmaler und entsprechend gefragt, die Persönlichkeiten in Detmold und Umgebung mit einem schönen Portrait zu ehren. Zum Beispiel malte Wittenstein Bildnisse von Wilhelm Osterhaus und Dr. Otto Weerth mit Kreide auf Pappe. Osterhaus war ein lippischer Schriftsteller und Weerth war Vorsitzender des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins in Lippe. Das Portrait von Weerth befindet sich heute im Flur des Erdgeschosses im Lippischen Landesmuseum. Wittenstein malte auch Portraits bereits verstorbener berühmter Persönlichkeiten, die aus Detmold kamen oder dort wirkten. So entstanden Portraits des Dramatikers Christian Dietrich Grabbe und des musikalischen Multitalents Albert Lortzing, der von 1826 bis 1833 der Detmolder Hoftheatergesellschaft angehörte. Im Fall von Lortzing kopierte Wittenstein ein Portrait, das der Maler Friedrich Gustav Schlick etwa 1845 erstellte.

Durch die Industrialisierung verschwanden langsam aber sichtbar die alten Handwerke und damit ihre stillen Stars. Bruno Wittenstein malte den lokalen Altmeister des Kupferhandwerks Johann Adolf Tille im Auftrag der Firma Carl Tille in Horn.

Auf den ersten Blick mutet Wittensteins Porträt eines Kupferschmids wie ein Genrebild an. Die einer Grisaille ähnliche Farbwahl macht das Bruststück zudem nicht gerade gefällig. Mehr Interesse vermag der lebendige Pinselstrich wecken, mit dem der Maler virtuos dieses Porträt im Viertelprofil geschaffen hat. Diese Lebendigkeit kulminiert im Gesicht des Mannes und spiegelt sich besonders in seinen Augen wider. Dieser leicht verträumte Blick ins Licht kann als religiöse Ergebenheit gedeutet werden. Sicher haben wir es mit einem Mann zu tun, der trotz harter Arbeit und einfacher Verhältnisse sich seine Offenheit und Lebendigkeit bewahrt hat. Dieser Mann hat sich in sein Schicksal gefügt, hat alle Schläge – wir wissen nicht welche – bewältigt und hat nun im Alter Erfüllung gefunden. So ist Wittensteins Bild keineswegs ein in Serie gemaltes Genrebild, sondern der Ausdruck eines engagierten Realismus, der die Würde eines ehrlichen einfachen Handwerkers dokumentiert.

Peter Klapprot, Kunstlehrer, Hagen

Bruno Wittenstein lebte 1926 in Detmold in der Woldemarstrasse 19 unweit vom Stadtzentrum. Seit wann und wie lange er dort lebte, ist uns nicht bekannt. Vermutlich gegen Ende des Jahrzehnts kam es zu einem Wechsel. Infolge der wirtschaftlichen Krise während der Weimarer Republik war die Lage in Lippe prekär. Das Land litt unter einer hohen Arbeitslosigkeit. „Brotlose Kunst“ war das, was die lippischen Maler erlebten. Bruno Wittenstein kannte August und Johann Willer in Detmold vermutlich schon lange. Jeder, der mit Farben arbeitete, musste die Willers kennen, denn sie führten seit 1904 einer Malerfachschule und eine Farbenfabrik. Die Willers waren speditiv und darum trotz schwieriger Zeiten wirtschaftlich stabil. Vermutlich wollten sie Bruno Wittenstein, den sie schätzten, mit einer günstigen Unterkunft helfen. Insbesondere zwischen dem ausgeglichenen August Willer, der auch ein passionierter Maler war, und Bruno Wittenstein schien es zu harmonieren. Wittenstein drückte seine Dankbarkeit mit einem schönen Portrait von August Willer aus.

Gemäss Berichten aus der Familie Willer hatte Bruno Wittenstein ein kleines Atelier unter dem Dach im Haus von August Willer, in dem er auch Malunterricht gab. In einer Biographie der Malerin Ingeborg Schwonke aus Oldenburg heisst es, dass ihre Eltern sie 1936 für mehrere Monate in das Pensionat Diekmann nach Detmold schickten. In ihrer Freizeit nahm sie Unterricht bei Bruno Wittenstein. Es gibt keine Hinweise darüber, dass Bruno Wittenstein in der Malerschule von August Willer mitwirkte. Stattdessen bezahlte er den ausstehenden Mietzins immer mal wieder mit Bildern. Auf diese Weise gelangten mehrere Werke in den Besitz der Familie August Willer.

August Willer, Maler aus Detmold
August Willer, Maler aus Detmold

Der Lippischen Künstlerbund taumelte seit Jahren aufgrund der schlechten wirtschaftlich Verhältnisse. Ab 1933 geriet er zudem in den Fokus der Nationalsozialisten. Künstler mussten sich dem Reichsverband Bildender Künstler anschliessen und wurden so gleichgeschaltet. Der Lippische Künstlerbund überlebte dennoch irgendwie, trotz der denkbar schlechten Bedingungen.

 

 

 

Die Kammermühle in Heiligenkirchen bei Detmold (Quelle: Hubert Fricke, Hiddesen)
Die Kammermühle in Heiligenkirchen bei Detmold (Quelle: Hubert Fricke, Hiddesen)

Es wurden weiter Bilder gemalt, selbst nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs. Zu den Gemälden aus dieser Zeit gehören „Blick auf Horn und die große Egge“ (1942), „Heiligenkirchen Mitte“ (1942) oder „Kammermühle Heiligenkirchen“ (1943). Das Aquarell mit der Kammermühle zeigt, dass Wittenstein auch mal experimentierte. Er malte die Mühle und die davorliegende Blumenwiese mit zarten aber fast expressionistisch anmutenden Farben.

Als der Krieg kippte, wuchs der psychische Druck auf die Menschen, so auch in Detmold. Vielleicht lenkten sich die lippischen Maler in der Natur einfach nur ab. Gemäss mündlichen Überlieferungen aus der Familie Willer war Bruno Wittenstein ein Mensch, der Freundlichkeit und Frieden ausstrahlte. Wenn der Stress in der Willer Familie zu gross wurde, verschwanden die Kinder angeblich in die Dachkammer zum Maler.

Bruno Wittenstein wohnte bei den Willers, bis August 1954 starb. Danach wechselte er in das Kreisaltersheim Detmold in der Friedrich-Richter-Strasse. Gemäss Elisabeth Wittenstein verbrachte er dort seinen Lebensabend mit einer seiner Töchter. Mündliche Überlieferungen weisen darauf hin, dass Bruno Wittenstein verheiratet war, jedoch von seiner Familie getrennt lebte. Angeblich litt er im späteren Lebensabschnitt unter einem Augenleiden, das ihm zuletzt das Malen unmöglich machte. Das traf ihn sicherlich schwer, denn Malen war sein Leben. Im hohen Alter von 93 Jahren verstarb Bruno Wittenstein am 27.2.1968. Bestattet wurde er zwischen schönen alten Bäumen auf dem Waldfriedhof Kupferberg in Detmold.

Heide im Naturschutzbezirk, Lithographie mit Autogramm (Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Münster, M. Apffelstaedt 6,032)
Heide im Naturschutzbezirk, Lithographie mit Autogramm (Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Münster, M. Apffelstaedt 6,032)

Beziehungen zu Max Apffelstaedt und Familie Löns

Hatte Bruno Wittenstein Kontakte zu Hermann Löns oder dessen Familie? Hinweise darauf finden sich in dem Nachlass von Prof. Dr. Max Franz Apffelstaedt, Zahnmediziner, Gründer der Zahnklinik der Universität Münster und leidenschaftlicher Kunstsammler. Apffelstaedt war mit Hermann Löns und dessen Familie befreundet. In seinem Nachlass befinden sich diverse Dokumente, Fotos, Briefe und Gegenstände, die mit Löns in Verbindung stehen. Mit dabei sind sechs Lithographien von Bruno Wittenstein mit Motiven vom Donoper Teich und der Heidelandschaft in der nahegelegenen Senne. Hermann Löns wanderte 1898 durch den Teutoburger Wald, sinnierte am Donoper Teich und setzte seinen Weg fort in die Senne. Fasziniert von dieser Wanderung schrieb er seine Gedanken und Gefühle in der Geschichte „Frau Einsamkeit“. Was die Empfindungen für die Natur und stille Orte anbelangt, waren sich Löns und Wittenstein ähnlich. Sicherlich kannte Wittenstein die Texte von Löns. Ob sich die beiden je kennenlernten, wissen wir nicht. Es ist aber denkbar, dass Wittenstein über Apfellstaedt die Familie Löns kennenlernte. Elisabeth Löns malte selbst Portraits. Einige davon befinden sich auch in dem Nachlass von Apfellstaedt. Und Hermann Löns‘ zweite Frau Lisa Hausmann hatte ebenfalls einen künstlerischen Hintergrund. Ihr Vater Gustav Hausmann war ein bekannter deutscher Maler, der bevorzugt Landschaften malte.

Am Donoper Teich, Lithographie mit Autogramm (Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Münster, M. Apffelstaedt 6,034)
Am Donoper Teich, Lithographie mit Autogramm (Quelle: Universitäts- und Landesbibliothek Münster, M. Apffelstaedt 6,034)

Bildinterpretationen

Der Kunstliebhaber und Fachmann Peter Klapprot aus Hagen (NRW) hat für uns schon zuvor Gemälde interpretiert. Wir haben ihn gebeten, für uns zwei Bilder von Bruno Wittenstein genauer zu betrachten.

Blick auf die Grotenburg: Bruno Wittensteins Ansicht der lippischen Schweiz zeigt eine Landschaft in Bewegung. Die Linien der Hügel, Bäume und Felder steigen und fallen in dynamischen Diagonalen. Ruhe bietet der Horizont, durchbrochen von dem aufragenden Hermannsdenkmal und ebenso wie die Wolkenbank am Himmel. Auch dieser bewölkte Himmel an diesem Spätsommertag, der von Wind, vielleicht Sturm spricht, trägt zur Dramatik des Bildes bei.

Die Grotenburg – der Berg, auf dem das Hermannsdenkmal thront – bildet den Hintergrund dieses Bildes. Das Denkmal taucht als kleiner Strich etwas rechts von der Bildmitte auf; einerseits beleuchtet vom matten Licht, welches durch den bedeckten Himmel fällt, andererseits überschattet von der mächtigen Wolkenbank. Wie Theaterkulissen säumen die Hügel im Mittelgrund den linken und rechten Bildrand. Markant auch, dass ein ausgeprägter Vordergrund, der ebenfalls zur ruhigen Betrachtung einlüde, dem Bild fehlt. Der Blick des Betrachters „rutscht“ förmlich den Hang, auf dem der Maler gesessen hat, um sich einen Überblick über die landschaftliche Szenerie zu verschaffen, hinunter und folgt den halbwegs ebenen Ackerflächen, auf denen vereinzelte Gehöfte stehen, in die Tiefe.

Blick auf die Grotenburg
Blick auf die Grotenburg

 

Anders als in Barock und Romantik, wo die Maler zwar auch naturalistisch malten, doch die Kompositionen ihrer Bilder nach Proportionsregeln zusammenstellten, schildert Wittenstein uns einen echten unveränderten Anblick der Lippischen Schweiz. Damit folgt er einerseits den frühen deutschen Landschaftsbildern, wie etwa von Dürer und Altdorfer. Andererseits orientiert er sich am damals zeitgenössischen Konzept der Neuen Sachlichkeit, deren Künstler sich wieder auf die Welt des Sichtbaren zurückbesannen.

Naturalist bleibt Wittenstein auch in seiner Farbigkeit, verwendet er doch ausschließlich die Vorort vorgefundenen Lokalfarben. Diese Farben lässt er mit zunehmender Bildtiefe verschwimmen und folgt damit den akademischen Gesetzen der Luftperspektive. Wittensteins Metier ist der Farbauftrag. Hier huscht sein Pinsel begeistert bis nervös über den Malgrund, seine Lust am Malen, an der Farbe, am Leben findet hier ihren Ausdruck. Hier verzichtet er auf naturalistische Kleinlichkeit, die erstrebt, jedes Detail, jedes Blatt am Baum, malerisch zu erfassen. Hier gibt er sich dem begeisterten Schwung seiner Hand hin und malt und tupft und streicht und ist ganz Bewegung.

Maler und Motiv, beide sind in Bewegung. Die gesamte Komposition mit ihren Diagonalen lässt dem Auge des Betrachters kaum Ruhe. Alles spricht von Bewegung, Wandel und Veränderung. Die dargestellte Natur zeigt sich vorm Umbruch. Herbst und Sturm dräuen in der Luft. Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren laß die Winde los, staunte Rainer Maria Rilke ehrfürchtig.

Im Rausch des Malens taucht Bruno Wittenstein ein in den Fluss des Lebens, vertrauend darauf, dass seine Hand den rechten Strich machen wird, vertrauend darauf, dass es einen Käufer geben wird für dieses Bild, vertrauend, dass sich alles fügen wird und dass alles – auch das Schwere – Sinn machen wird. Vielleicht gelingt ihm als Künstler dieses Vertrauen etwas leichter, jedenfalls ist er freier, das Jetzt, den Augenblick zu nehmen, um sich aufzumachen und weiterzugehen, in seiner Kunst, in seinem Leben, weiterzugehen und loszulassen und Hermann Hesses Vers Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde zu – ja – zu beherzigen.

Am Donoper Teich
Am Donoper Teich

Am Donoper Teich: Aus dem Schutz des Waldes fällt der Blick auf das Wasser des Teiches. Es scheint früher Herbst zu sein. Die Natur trägt noch ein ansehnliches Grün, während erste Äste oben im Bild bereits kahl sind. Den Himmel tönt ein zartes Orange; es scheint Morgen oder Abend zu sein. Der Maler Bruno Wittenstein hat den Donoper Teich wohl öfter besucht und im Bild festgehalten. Das Landesmuseum in Detmold besitzt eine kleine Radierung von Wittenstein, die ebenfalls – wenn auch aus einer anderen Perspektive – das Gewässer zeigt, das auch heute zu den beliebtesten Ausflugszielen im Teutoburger Wald gehört. Anders als die früheren und heutigen Touristen hat sich der Künstler bewusst abseits gehalten und den Teich aus eigenen und ungewohnten Ansichten festgehalten.

Mit seinem Gemälde hat Wittenstein ein klassisches Landschaftsgemälde geschaffen. Typisch für den lippischen Maler ist sein fast impressionistischer Farbauftrag, allerdings in naturalistischer Farbigkeit. Im Vordergrund der Waldboden mit den Bäumen, die sich mit ihren Wurzeln darin festkrallen, während im Mittelgrund ruhig der Teich liegt. Den Hintergrund bildet das wenig differenzierte Grün des Waldes, über dem eine markante Hügelformation aufsteigt, die nach links einen kleinen Fernblick bietet.

Auffallend ist, wie Wittenstein mit den Bäumen rechts und links den Blick des Betrachters im Bild hält. Hier folgt er der klassischen Kompositionsregel, die ein Abschweifen des Auges verhindern wollte und den Blick in die Tiefe führte, um dort mit einem interessanten Sujet, einem ansprechenden Farbkontrast aufzuwarten.

Genau diesen „Kunsttrick“ versagt jedoch der Akademieabsolvent sich und uns. Stattdessen bietet er uns einen Ausschnitt Natur, ungeschönt und unaufgeregt. In dem er auf eine Sensation verzichtet, die es zu betrachten und zu verarbeiten gälte, lässt er unsere gespannte Aufmerksamkeit frei.

So wie er sich hier der akademischen Konvention entzieht, mag sich Wittenstein den alltäglichen Konventionen seiner Zeit gerne entzogen haben. Als Künstler mit einer besonderen Sensitivität ausgestattet, hat er sicher die Veränderungen seines Lebensraumes im Lippischen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wahrgenommen. Die allgemeine Beschleunigung durch Kraftdroschken und Motorräder, Telefone und Telegramme könnte auf ihn ungeheuer gewirkt haben. Um der Sensation von außen zu entgehen, hat er sich gerne in die archaische Gegenwelt des Waldes zurückgezogen.

Abseits von gängigen Touristenpfaden fand er die Stille, die ihm erlaubte, das Eigene zu empfinden.

In der Versenkung in der Natur ist vielleicht etwas passiert, was viele Menschen aus eigener Erfahrung kennen. Die dauernden Gedanken um gestern und morgen kommen zur Ruhe; ein Ankommen im Augenblick wird möglich. Die Fäden der Vergangenheit, die so gerne an uns ziehen, bündeln und lösen sich plötzlich wohltuend im Nu. Noch mehr scheint passiert: Die Kräfte der Natur – insbesondere die Magie der Abend- bzw. Morgenstunde – scheinen ihn ergriffen zu haben und in ihm eine sanfte Erregung, ein Zittern ausgelöst haben, welches im nervösen Duktus seines Pinsels Ausdruck findet und sich erst in der Darstellung des Wassers beruhigt.

Mit dem Blick auf den Donoper Teich hat Wittenstein quasi ein Meditationsbild geschaffen, unbelassene Natur, fast wie ein Mandala komponiert. Mehr noch: der Blick aus der Geborgenheit des Waldes auf das lebensspendende Wasser ist ein Archetypus. Jahrzehntausende haben unsere halbwilden Vorfahren diesen Blick geliebt, der Wald, der ihnen Schutz bot und das Wasser, das man trinken kann und das Wild anlockt. So konnten sie leben, gut leben. Dieses archetypische Bild entfaltet seine Wirkung noch heute auf uns. Warum sonst zieht es uns ans Wasser, warum sonst schlendern wir so gerne an Flüssen und Seen entlang und manchmal sogar am Meer?

Das Wittenstein-Puzzle

Vor zwei Jahren, in einem Keller in Detmold, stießen wir unverhofft auf Gemälde, die zum Nachlass der Familie August Willer gehörten. Darunter war eine Kreidezeichnung von Bruno Wittenstein. Anfangs hielten wir es für einen Zufall, dass sich dieses Bild unter den anderen befand. Doch mit unseren Recherchen stellte sich heraus, dass Bruno Wittenstein eine Zeit lang bei den Willers lebte. Das weckte unsere Neugier, und wir fassten nach. Die Information zu Wittenstein in den Online-Medien war nur spärlich. Das machte unsere Arbeit schwieriger und spannender. Es tauchten weitere Gemälde auf, die vermutlich seit Jahrzehnten niemand zu Gesicht bekam. Durch mündliche Überlieferungen entstanden neue Erkenntnisse, jedoch noch mehr Fragen. Wir entdeckten zwei Gemälde im Raum Heidelberg und nahmen Kontakt auf mit verschiedenen Museen und Bibliotheken. Immer mehr Puzzleteile kamen zusammen und fügten sich schrittweise zu einem Bild über diesen interessanten Künstler Bruno Wittenstein zusammen. Warum ist Bruno Wittenstein für uns heute interessant? Er war ohne Frage ein talentvoller Künstler, verbunden mit seiner Heimat. Doch wir können noch etwas Anderes von ihm lernen – wie wertvoll es ist, an einem stillen Ort innezuhalten, die Zeit einfach mal laufen zu lassen und sich bewusst zu werden, wie schön es ist, hier zu sein.

Sie können uns helfen!

Wir suchen Zeitzeugen rund um Bruno Wittenstein, seine Gemälde, Studienzeit und Familie. Hat jemand Informationen zu Bildern aus Wittensteins Zeit in München oder Rom? Wir freuen uns über jeden Hinweis.

eMail: stephan.teiwes@bluewin.ch, Telefon: +41 56 406 2916.

Danksagungen

Dr. Karin Althaus, Leiterin „Sammlungen/Ausstellungen/Forschung/Kunstvermittlung“, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München; Hubert Fricke, Kunstliebhaber, Detmold-Hiddesen; Margorzata Gierok, Detmold; Ulrich Herrmann, Enkel von August Willer, Detmold – er wünschte sich, dass die Menschen seine Gemälde von Wittenstein sehen können; Christiane Hucke, Urenkelin von August Willer, Rattenberg; Peter Klapprot, Kunstlehrer, Hagen; Dr. Diana Lenz-Weber, Kuratorin für Kunst und Angewandte Kunst, Gustav-Lübcke-Museum Hamm; Jürgen Lenzing, Universitäts- und Landesbibliothek Münster; Dr. Heinrich Stiewe, Referat Sammlungen/Volkskunde, LWL-Freilichtmuseum Detmold; Klaudia Wolf, Regionaldokumentation, Lippische Landesbibliothek, Detmold; Gisela Stücke, Detmold-Heiligenkirchen und Eckhardt Teiwes, Lage.

Literaturhinweise

Ursprünge der Familie Wittenstein:

  • 200 Jahre Familie Wittenstein in Lippe, 1775 – 1968, Elisabeth Wittenstein, Detmold, 1983 (Lippische Landesbibliothek)
  • Der Ausleger des ehemaligen Hotels zur Post ist wieder in Horn, Geschichte des Gasthauses «Zur Post» Horn: PDF
  • Eltern: Karl-Wilhelm Wittenstein und Julie Sofie Berning: https://www.myheritage.ch/names/wilhelm_wittenstein
  • Gymnasium Hammonense, Akademisches Gymnasium zu Hamm: https://de.wikipedia.org/wiki/Gymnasium_Hammonense
  • Kunstmaler Bruno Wittenstein, Lippische Landeszeitung, 29.2.1968 (mit Hinweisen zu Weinhandlung, C. Wittenstein)

Studienjahre:

Leben und Wirken in Lippe-Detmold:

Max Apffelstaedt, Hermann Löns:

  • Frau Einsamkeit, Hermann Löns: https://de.wikisource.org/wiki/Frau_Einsamkeit
  • Universitäts- und Landesbibliothek Münster, M. Apffelstaedt 6,032 – 38: Radierungen, die u.a. Motive vom Donoper Teich, Heidelandschaft im Naturschutzbezirk, Senne

2 KOMMENTARE

  1. Habe ein Gemälde Wittensteins erworben aus dem Nachlass der Eigentümerin des Antiquitätengeschäfts in der Allee in Detmold. Zeigt den Watzmann, vielleicht noch aus der Münchner Zeit, signiert „WT“.
    Wenn Sie interessiert sind, können Sie es gern besichtigen.

    • Lieber Herr Braunsdorf, ganz herzlichen Dank für Ihren spannenden Hinweis. Wir nehmen mit Ihnen gerne direkt Kontakt auf. Unser Artikel stösst offenbar auf Interesse. Wir haben bereits interessante Informationen erhalten. Viele Grüsse, Stephan Teiwes

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