Es ist genug Zeit vergangen und etwas Gras über die Sache gewachsen. Der Schrecken wirkt entfernt und weniger schlimm, so dass ich heute darüber berichten kann, um zu warnen vor unvorsichtigem Genuss von Sonnenlicht. Im August 2017 machten wir einmal mehr Ferien in Sardinien. Die Insel ist wunderschön und vielzeitig mit ihrer uralten Kultur, den kleinen einladenden Städten, gutem Essen und traumhaften Stränden. Doch dieser Sommer war anders.

„Lucifer“ nannten die Meteorologen ein Wetterphänomen, das Italien eine Hitzewelle bescherte und vor große Probleme stellte. Es herrschte Wassermangel, die Menschen litten an Kreislaufproblemen und die Krankenhäuser füllten sich bedenklich schnell. Auf der Insel Sardinien trieb Lucifer das Thermometer auf bis zu 43 Grad. Diese Temperatur hatten wir während einer Autotour gemessen. Einheimische erklärten mir, dass es schon in den Jahren zuvor auf der Insel immer trockner und wärmer geworden sei. Der Klimawandel machte sich bemerkbar.

Gluthitze auf Sardinien 2017

Sommer, Sonne und gute Vorsätze

Ich war unterwegs mit meiner Freundin und ihrer Tochter. Als wir unsere Hotelanlage im Westen der Insel erreichten, hatten wir von Warnungen nichts mitbekommen. Radio Monte Carlo brachte die besten Sommerhits, doch keine Informationen über die herannahende Hitzewelle. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Am Meer wehte stets ein angenehmer Wind, und die Hotelanlage bot diverse Möglichkeiten für Abkühlung und Sonnenschutz. Warnhinweise gab es auch hier nicht. Vermutlich wären solche Meldungen auf wenig Verständnis gestoßen bei den Sonnenanbetern an Pool und Strand.

Strände locken ins Wasser und in die Sonne

Im Gegensatz zu mir, der die intensive Sonneneinstrahlung eher meidet, gehörten meine Freundin und ihre Tochter noch zu den Sonnenanbetern. Immerhin gaben sie sich gute Vorsätze: Sonnenbaden nur am Vormittag, solange der Einstrahlwinkel spitz ist, und Sonnencreme sowie Sonnenschirm waren Pflicht. Doch wer Sonnenschirme kennt, weiß, dass sich der schützende Schatten oft ganz woanders herumtreibt als auf der Liege, wo man sich gerade befindet. Ähnlich ist es mit dem menschlichen Verhalten, das sich im Laufe der Zeit immer weiter von guten Vorsätzen entfernt, solange die Dinge irgendwie laufen.

Aus dem Schlaf gerissen

Am 2. August um 6h45 holten mich laute Schreie aus dem Schlaf. Meine Freundin rief laut um Hilfe und rüttelte panisch an ihrer Tochter – die schien völlig regungslos, die Augen verdreht. Ich war entsetzt von dem Anblick und versuchte, die schlimmsten Gedanken auszublenden. Was war hier geschehen? Ein giftiges Tier vielleicht? Unwahrscheinlich. Dennoch musterte ich in Eile den Boden und das Bett. In dieser Not begann meine Freundin mit der Reanimation und drückte vehement und rhythmisch auf die Brust ihrer Tochter. Ich sagte ihr, dass ich den Notarzt rufe und dann sofort wiederkäme. Ich spurtete von unserem Bungalow zur Hotelrezeption und mobilisierte das Personal. Sie riefen den Notarzt. Ich lief sofort wieder zurück. Als ich durch die Tür ins Zimmer stürzte, lag die Tochter in den Armen ihrer Mutter und zeigte erste Anzeichen von Bewusstsein. Für einen Moment streichelte ich beide über ihr Gesicht. Dann rannte ich wieder hinaus, den Weg entlang bis zum Parkplatz, um den Rettungswagen abzufangen. Die Uhr zeigte 7h15, als ich die Sirene aus der Ferne hörte. Ich war überrascht, wie schnell der Rettungswagen die Anlage erreicht hatte.

Rettungswagen in der Ferienanlage

Eilig lotste ich den Fahrer zu unserem Bungalow. Drei Sanitäter in orange-roten Uniformen und schwarzen Stiefeln sprangen aus dem Wagen und gingen zielstrebig in den Bungalow. Die junge Frau mit Irokesenansatz im Haar machte Eindruck, ebenso wie ihre beiden Kollegen, die Kurzhaarfrisuren und einen gestutzten Vollbart trugen. Ruhig und zupackend begannen sie, erste Hilfe an der Patientin zu leisten, die benommen auf der Bettkante saß. Kurze Zeit später traf ein weiteres Fahrzeug mit dem Notarzt ein. Ich erklärte der Sanitäterin in Englisch, was geschehen war. Sie übersetzte für ihre Kollegen und den Arzt. Nach einer kurzen Untersuchung wurde die Tochter auf eine Trage gelegt und zügig zum Rettungswagen gebracht. Die Mutter sollte im Wagen mitfahren und ich mit meinem Auto hinterher. Ziel war das Krankenhaus in Sassari, etwa 20 Kilometer entfernt.

Mit Blaulicht nach Sassari

Mit Blaulicht nach Sassari

Fahrer von Rettungswagen könnten an Autorennen teilnehmen. Das weiß ich seit dieser Verfolgungsjagt übers Land nach Sassari. Rettungswagen verfügen über genug Motorleistung, denn Zeit bedeutet Leben. Mein kleiner Corsa hätte ein paar PS mehr gebrauchen können, doch er hielt tapfer mit.

Ohne Stopp durch die Baustelle

„Bloß nicht den Anschluss verlieren“, ging es mir immer wieder durch den Kopf. Da gerieten wir in eine Baustelle. Den Rettungswagen mit Blaulicht ließen die Streckenposten natürlich passieren. Und was jetzt? Ich hing mich eng an den Rettungswagen und war auch durch.

Gefühlt verlief alles unglaublich schnell, vermutlich, weil ich mit Adrenalin vollgepumpt war. Nach etwa 20 Minuten erreichten wir das Krankenhaus in Sassari, mit gut 120.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Sardiniens.

Rettungswagen erreicht das Krankenhaus

Während ich einen Parkplatz suchte, verschwanden die Sanitäter mit der Tochter, die inzwischen volles Bewusstsein erlangt hatte, in die Notaufnahme. Meine Freundin und ich standen vor dem Eingang des eindrucksvollen Universitätsspitals. Auf dem Dach erkannten sich sogar den Landeplatz für den Rettungshelikopter.

Universitätsspital in Sassari

Ursachenanalyse

Wir waren immer noch angespannt, schauten uns an und begannen zu diskutieren. Reden ist immer gut, um Druck rauszulassen und zu verstehen. Wir versuchten zur Ruhe zu kommen und uns zu erklären, was geschehen war. Meine Freundin berichtete, dass sie am frühen Morgen durch merkwürdige Laute aufwachte. Mit Entsetzen sah sie, wie Ihre Tochter zusammengefaltet auf dem Bett lag, am ganzen Körper zitterte und keuchte. Ihre Lippen waren blau gefärbt, und Schaum lief aus ihrem Mund. Meiner Freundin liefen die Tränen. Ich nahm sie in den Arm. Ihre Tochter befand sich jetzt in Sicherheit und wurde professionell behandelt.

Wir hatten nun Zeit. Die Untersuchung würde einige Stunden in Anspruch nehmen. Ich ließ zwei Kaffee aus einem Automaten. Wir überlegten, was die Ursachen für den körperlichen Zusammenbruch sein konnten. Natürlich hatten wir einen Verdacht, und der war spürbar. Hier in der Stadt drückte die Hitze viel intensiver als am Meer. Doch das war nicht das Einzige: die Sonnenbäder dauerten zuletzt länger als vereinbart, der Sonnenschirm fand immer seltener Beachtung, und nach der Hitze am Strand wurde im Bungalow gerne die Klimatisierung eingeschaltet. Ich war die Spaßbremse: „das geht so nicht… der Körper muss sich den gegebenen Temperaturen anpassen und nicht umgekehrt… das ist schlecht für Umwelt…“ Ich fühlte mich etwa so wenig beachtet, wie ein Sonnenschirm. Das Ergebnis: ein Gespräch beim Kaffee im Krankenhaus von Sassari und eine Verletzte. Eigentlich haben wir noch Glück gehabt, es hätte schlimmer kommen können.

Auf der neurologischen Station der Klinik wurden die Tochter mehreren Untersuchungen unterzogen, zunächst eine Blutuntersuchung und ein Elektrokardiogramm, um den Herzrhythmus zu überprüfen. Anschließend wurde ein Computertomogramm (CT) erstellt, denn es bestand der Verdacht, dass die Hitze einen erhöhten Druck auf ihr Gehirn ausgeübt haben könnte. Zum Glück wurden keine Schäden festgestellt. Ich kann kaum ausdrücken, wie froh wir über diese Nachricht waren.

Bei der letzten Untersuchung durften wir die Tochter begleiten. Sie wirkte gesund, war aber sehr still. Es kam ihr wohl alles unwirklich vor – wie ein schlechter Traum. An vieles von dem, was am Morgen geschehen war, konnte sie sich nicht erinnern, sagte sie mir. Erst als die „Leute in Rot“ kamen, setzte das Gedächtnis langsam wieder ein. Tapfer hatte sie alle Untersuchungen mitgemacht. Im letzten Schritt sollte ein Elektroenzephalogramm (EEG) erstellt werden, um die Gehirnströme zu messen und auf mögliche Anomalien zu überprüfen. Dafür musste die Tochter eine spezielle EEG-Haube mit Elektroden aufsetzen. Sie sah aus wie ein Astronaut. Uns bat man, im Wartezimmer wieder Platz zu nehmen.

EEG zeigt Anomalie in Gehirnströmen

Diagnose „Sonnenstich“

Als wir schließlich zur Besprechung der Untersuchungsergebnisse zum Arzt gebeten wurden, erlebte ich eine Überraschung. Bei der Begrüßung in English kam mir der sprachliche Akzent sehr bekannt vor. Dr. Paulus kam aus Deutschland und hatte im Universitätsspital Medizin und Neurologie studiert. Er lebte mit seiner Familie schon seit vielen Jahren in Sassari. Wir konnten uns also in Deutsch unterhalten. Er erklärte uns, was geschehen war. Die Tochter erlitt einen Sonnenstich mit einem epileptischen Anfall. Das EEG zeigte eine erhöhte elektrische Gehirnaktivität in der linken Gehirnhälfte. Die Ursache hing offenbar mit der Hitze und körperlicher Überforderung zusammen. Er gab der Tochter ein Medikament, das die elektrische Gehirnaktivität reduziert, und zudem die Anweisung, Sonnenbaden und Alkohol zu meiden, regelmäßig Wasser zu trinken, sich viel Ruhe zu gönnen, aber auch den Urlaub zu genießen. Die Tochter sollte sich einen schönen Sonnenhut besorgen und ihn bei längerem Aufenthalt im Freien aufsetzen. Bei einem erneuten Problem dürften wir ihn anrufen. Wir waren erleichtert und berührt von der Freundlichkeit, die wir erfuhren.

Großzügiges Spital  

Zurück in der Eingangshalle des Spitals, ging ich zur Information, um herauszufinden, wie wir die Behandlung bezahlen konnten. Wir waren sehr dankbar und auch für diese Reise versichert. Die Dame am Empfang erklärte uns jedoch: „Sie müssen nichts bezahlen. Die Kosten sind getragen.“ Wir waren erstaunt. „Sie sind sehr großzügig. Wir sind sehr gut behandelt worden und möchten zum Dank wenigstens etwas für dieses Krankenhaus spenden.“ Sie lächelte, war offenbar auch berührt. Dann sagte sie: „Kommen Sie einfach wieder in unser Land, nicht unbedingt ins Spital, sondern einfach woanders.“ Wir lachen, verabschiedeten uns und gingen erleichtert zu unserem kleinen Corsa, der ein Stück Zuhause und Normalität zurückbrachte.

Elegant mit Sonnenhut

Für den Rest des Urlaubs verhielten wir uns vorsichtig. Die Anforderungen von Dr. Paulus wurden strikt befolgt, um neue Komplikationen zu vermeiden, was schließlich auch gelang. Auf den Sonnenhut hätten wir schon früher kommen können. Er wurde zum Renner, denn Tochter und Mutter sahen damit beide toll aus.

Nachtrag zu Sonnenstich und Hitzschlag

Hohe Temperaturen im Sommer fordern den Kreislauf, denn mit der Wärme weiten sich die Gefäße, und der Körper verliert durch Schwitzen viel Wasser und Nähstoffe. Damit sackt der Blutdruck: Wenn dem nicht entgegengewirkt wird, kommt es auf Dauer zu Erschöpfungserscheinungen wie Fieber, Schwäche oder Schwindel.

Strahlt die Sonne zu lange auf den unbedeckten Kopf, kann das Hirngewebe anschwellen und zu Irritation der Hirnhaut führen. In der Regel merken betroffene Personen nicht sofort, dass sie ihren Kopf der Sonne zu lange aussetzen und sich in Gefahr begeben. Die Symptome, Verwirrtheit, Krampfanfälle oder Extremfall sogar epileptische Anfälle, können mehrere Stunden verzögert auftreten.

Wenn der Körper durch Überlastung nicht mehr in der Lage ist, hohe Temperaturen durch Wärmeabgabe auszugleichen, kommt es zu einer Überhitzung des Körpers und damit zu einem Hitzschlag.

Schwere Fälle von Sonnenstich und Hitzschlag sind akute Notfälle, die den Rettungsdienst (Notruf 114) dringend erfordern. Am besten ist es, Gefahren durch das sorgsames Verhalten zu vermeiden. Und das geht so:

  • Reisen und Hitze sind Stressfaktoren für den Körper; darum sollte man sich Zeit und genug Ruhe gönnen, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen
  • Akklimatisierung: dem Körper ermöglichen, sich an lokale Klimabedingungen zu gewöhnen (dauert 1 – 2 Wochen) und dabei auf Klimaanlagen möglichst verzichten
  • Direkte Sonneneinstrahlung zwischen 11 und 16 Uhr vermeiden, stattdessen schattige Plätze aufsuchen
  • Verwendung von Sonnencremes mit hohem Lichtschutzfaktur
  • Verwendung einer Kopfbedeckung, die keine Sonnenstrahlen (UV) durchlässt
  • Regelmäßig genug Wasser trinken und auf Alkohol verzichten

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