Der 27. November 2011 ist ein besonderer Tag. Hierzulande dekorieren die Menschen ihre Wohnstuben festlich. Sie laden Gäste in ihr gemütliches Zuhause ein. Oder sie flanieren entspannt im Lichterglanz anmutender Weihnachtsmärkte. Es ist der erste Advent.

Weihnachtsmarkt Bad Salzuflen
Weihnachtsmarkt Bad Salzuflen

16.000 Kilometer entfernt, nahe der Stadt Brisbane an der Ostküste von Australien. Terry Lovejoy installiert ein Teleskop. Der 45-jährige IT-Ingenieur verbringt die weihnachtliche Zeit sonst auch mit seiner Familie. Doch in dieser Nacht verfolgt er eine ungewöhnliche Mission. Er sucht nach unbekannten Himmelkörpern – Terry ist ein Kometenjäger.

 

Terry Lovejoy montiert Kamera
Terry Lovejoy montiert Kamera

Mit geschickten Handgriffen montiert Terry eine lichtempfindliche Kamera an das Teleskop. Dann richtet er das Instrument zum sternenklaren Himmel aus und beginnt zu fotografieren. Im 10-Minutentakt ein Bild. Terry hat schon viele Nächte im Freien verbracht, immer auf der Suche. Es treibt ihn der Wunsch, als erster einen neuen Kometen zu entdecken. Die Aussichten auf Erfolg sind allerdings gering. Denn das, was er sucht, befindet sich in den Tiefen des Alls, sehr weit von Sonne und Erde entfernt, und ist daher nur sehr schwer sichtbar.

Vielleicht hat Terry ja in dieser Adventsnacht Glück. Denn die Weihnachtsgeschichte berichtet von einem hellen Stern, der die drei Weisen aus dem Morgenland zur Krippe des Christkindes führte. War es ein Stern oder ein Komet? Astronomen sind heute der Ansicht, dass es sich bei dem Weihnachtsstern um eine sehr seltene Konstellation der Planeten Jupiter und Saturn am Nachthimmel handelte. Einen großen Kometen hätten Sterndeuter damals vermutlich als Bedrohung betrachtet. Dennoch ist bis heute nicht sicher geklärt, was der Weihnachtsstern tatsächlich war.

Terry blickt auf die Uhr. Stunden sind wie im Flug vergangen. Durch die Erddrehung haben sich die Sterne am Firmament weiterbewegt. Es ist kühl geworden. Terry ist etwas müde aber zufrieden, denn er hat inzwischen Serien von Aufnahmen verschiedener Himmelsareale im Kasten. Er packt seine Geräte ein. Es ist Zeit fürs Bett.

SOHO

Eineinhalb Millionen Kilometer von der Erde entfernt – im Weltraum. Lautlos fliegt die Raumsonde SOHO auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne. SOHO ist das Sonnen- und Heliossphären-Observatorium von ESA und NASA. Mit etwas Phantasie sieht SOHO aus wie ein gewaltiger Flugzeugpropeller. Im Zentrum befindet sich eine vier Meter breite quadratische Plattform, vollgepackt mit Sensoren, Kameras, Antennen und weiteren technischen Geräten. Die zwei ausgestreckten Sonnenflügel erzeugen die nötige Energie, um die Sonde zu betreiben. Seit Dezember 1995 sendet SOHO rund um die Uhr spektakuläre Bilder und Informationen von der Sonne. Auch SOHO ist ein Kometenjäger – mit ungeschlagenem Erfolg. Über zweitausend Kometen hat SOHO bisher entdeckt. Noch im Juli 2011 zeigte SOHO der völlig verblüfften Fachwelt, wie ein Komet in die brodelnde Sonne stürzte. Doch am 1. Advent scheint alles gewöhnlich und unspektakulär.

Am Abend des 28. November beginnt Terry mit der Analyse seiner Fotos. Aufgeregt ist er nicht. Schließlich hat er solche Analysen schon oft durchgeführt. Für jede Himmelspartie gibt es eine Bilderreihe, die detailliert untersucht werden muss. Auf den Bildern würde sich ein Komet durch seine diffuses Aussehen verraten, und indem er seine Position im Vergleich zu den umliegenden Sternen verändert. Genau das hofft Terry zu entdecken. Mit Hilfe des Computers beginnt er die systematische Suche. Bild für Bild und Zentimeter für Zentimeter werden Sterne und deren Positionen verglichen. Die Prozedur ist langwierig und nach einiger Zeit etwas ermüdend. Momentmal, was ist das? Plötzlich ist Terry hell wach. Er vergrößert den Bildausschnitt. Da ist tatsächlich ein kleiner, diffuser Lichtfleck neben einem Stern – leicht zu übersehen. Im Vergleich mit den anderen Aufnahmen der Bildreihe sieht es so aus, als wäre der Fleck nach links gewandert. Terry ist aufgeregt, doch es kommen ihm auch Zweifel. Der Lichtfleck könnte auch das Resultat einer unerwünschten Reflexion in der Kamera sein. Um wirklich sicher zu gehen, muss Terry das geheimnisvolle Himmelsobjekt erneut finden und weitere Fotos machen.

Diffuser Fleck am 27.11.2011
Diffuser Fleck am 27.11.2011

Ausgerechnet in der darauffolgenden Nacht steigt Dunst auf, und Wolkenfelder ziehen vor dem nächtlichen Sternenhimmel. Terry bemüht sich, das geheimnisvolle Objekt wiederzufinden. Doch es will ihm nicht gelingen. Enttäuscht bricht er ab. Auch in der nächsten Nacht ziehen Wolken am Himmel, allerdings mit größeren freien Abschnitten dazwischen. Das ist gut genug. Terry richtet die Kamera auf das Zielgebiet und belichtet. An Schlaf ist jetzt nicht zu denken. Noch in der gleichen Nacht macht sich Terry an die Arbeit, und untersucht die neuen Fotos. Konzentriert wandern seinen Augen entlang der Sternenkonstellationen. Plötzlich formt sich ein Lächeln auf seinem Gesicht. Da ist er ja wieder, der diffuse Lichtfleck von vorgestern. Er hat sich tatsächlich weiter bewegt. Für Terry besteht kein Zweifel – es ist ein Komet! Hastig greift seine Hand zum Telefon und tippt eine Nummer. Terry ruft einen befreundeten Kometenbeobachter an und schildert seine Entdeckung. Weitere Anrufe folgen. Terrys Freunde gehen sofort ans Werk, um den Kometen zu suchen. Nur einen Tag später berichten gleich mehrere Beobachter unabhängig die Sichtung des Kometen.

Nun muss es schnell gehen. Terry meldet seine Entdeckung den Profiastronomen vom Zentralen Büro für Astronomische Telegramme der Internationalen Astronomischen Union in Cambridge, USA. Die Profis nehmen Terrys Angaben entgegen und starten sofort eine Überprüfung. Am 2. Dezember folgt die offizielle Bestätigung, doch nicht nur das. Die Profiastronomen haben die Flugbahn des Kometen berechnet und eine Überraschung parat. Der Komet ist ein Sonnenkratzer – ein Kamikaze-Komet der auf die Sonne zurast, die Sonnenkorona durchquert und bis auf 140.000 Kilometer Entfernung an die Sonnenoberfläche herankommt. Dem Brocken aus Eis und Gestein droht dabei das Ende.

Schon im Jahr 1880 untersuchte der deutsche Astronom Heinrich Kreutz die Sonnenkratzerkometen. Ihm fiel auf, dass diese Kometen auf sehr ähnlichen Flugbahnen um die Sonne ziehen. Und so kam er auf die Idee, dass sie vor sehr langer Zeit einmal zu einem einzigen großen Kometen gehörten, der an der Sonne vorbeigeschrammt und in Stücke zerbrochen war. Kometen sind uralte Himmelkörper, älter als die Erde. Daher geben sie Hinweise auf die Entstehung unseres Sonnensystems.

Rendezvous with a Comet

Die Nachricht über den neuen Kometen mit dem romantischen Namen verbreitet sich in Windeseile in den Medien. Lovejoy bedeutet ja Liebesglück. Und so hoffen die einen auf einen zauberhaften Weihnachtskometen, die anderen einfach auf ein spektakuläres Naturschauspiel. Klar ist, dass der Komet mit hoher Geschwindigkeit auf die Sonne zurast. Das Datum der größten Annäherung ist der 16. Dezember. Die Fachwelt spekuliert, was dabei geschehen wird. Der Komet kann der Sonne sicherlich nichts anhaben. Dafür ist er viel zu klein. Aber kann der Komet die extreme Sonnenhitze überstehen? Oder wird er verdampfen wie ein schmutziger Schneeball über einem Grill? Und wie wird das Spektakel aussehen? Die Forscher von ESA und NASA wollen den spannenden Fragen nachgehen. Sie setzen ihren besten Agenten darauf an: SOHO soll den Kometen ins Visier nehmen. Die Forscher informieren die Öffentlichkeit über die SOHO-Webpage: „Sonnenkratzer-Kometen, die von der Erde aus entdeckt werden, können sehr spektakulär werden – hell, mit langem Schweif. Manche in der Vergangenheit waren sogar am Tag sichtbar. Wir bereiten uns auf dieses seltene Ereignis vor. Reservieren Sie sich etwas Zeit und einen Sitzplatz an Ihrem Computer. Wir werden die Bilder von SOHO live übertragen.“

Der Tag des kosmischen Rendezvous rückt näher. Die Spannung steigt. „Werden Sie den Vorbeiflug Ihres Kometen an der Sonne beobachten?“, fragt eine Journalistin von SPACE.com den Entdecker Terry. „Nein, hier bei uns ist es bewölkt. Es wäre auch sehr gefährlich für die Augen, Beobachtungen so nahe an der Sonne zu machen. Ich werde das Geschehen am Computer verfolgen.“ „Und glauben Sie, dass der Komet die Sonnenannäherung überstehen wird?“ Terry zweifelt: „Es mag sein, dass er in der einen oder anderen Form überlebt. Aber ich würde nicht darauf wetten.“

12. Dezember. SOHO schickt nun regelmäßig Fotos von der Sonne, die mit einem speziellen Sonnenteleskop gemacht werden. In der Bildmitte verdeckt eine kreisrunde dunkle Blende die sonst viel zu grelle Sonnenscheibe. Das Teleskop schafft damit eine künstliche Sonnenfinsternis. Um die Blende herum leuchtet ein zarter, unregelmäßig strukturierter Strahlenkranz. Das ist die Korona, die sehr dünne und extrem heiße Gashülle der Sonne. Das gesamte Blickfeld zeigt etwa 14 Sonnendurchmesser oder umgerechnet etwa 20 Millionen Kilometer. Noch keine Spur vom Kometen. Gegen 21 Uhr wird die Sonnenkorona plötzlich aktiv. Am nördlichen und westlichen Sonnenrand brechen Eruptionen aus, die wie Rauchschwaden vom Zentrum wegdriften. Hier schleudert die Sonne gewaltige Mengen Materie viele Millionen Kilometer weit ins All hinaus. Die Eruptionen dauern bis zum 13. Dezember an. Erst in der zweiten Tageshälfte beruhigt sich das Wetter in der Korona.

14. Dezember, 2 Uhr. Am unteren Bildrand erscheint ein heller Fleck. Die Bilder kommen im Stundentakt. Das Objekt bewegt sich von unteren Bildrand kommend in Richtung Mitte. Kein Zweifel, es ist der Sonnenkratzer. Gegen 12 Uhr ist er komplett sichtbar – ein Komet mit einem langen Schweif von der Sonne abgewandt. Er nimmt direkt Kurs auf die Sonne. Das dramatische Schauspiel beginnt.

Comet Lovejoy im SOHO-Teleskop (Copyright © 2011 by ESA/NASA)

 

15. Dezember, 2 Uhr. In einem Tag hat Komet Lovejoy eine Bildhälfte im Sichtfeld des SOHO-Sonnenteleskops durchwandert. Nun trennen ihn nur noch 10 Millionen Kilometer von der Sonne. Der Komet tritt in die Korona ein. Jetzt kommt er ins Schwitzen. Der Komet beschleunigt weiter, je näher er der Sonne kommt. Gleichzeitig verliert er aufgrund der enormen Hitze viel Materie. 17 Uhr erscheint Lovejoy grösser, heller und eleganter als je zuvor. Der sichtbare Schweif erstreckt sich über 9 Millionen Kilometer. Noch 5 Millionen Kilometer bis zur Sonne. Um 18 Uhr überstrahlt der Kometenkern alles. Die Sonne fordert ihren Zoll. Sind das die letzten Momente, bevor Lovejoy ganz verdampft? Das ist die spannende Frage, als der Komet um 23 Uhr, gleißend hell, hinter der Teleskopblende verschwindet.

Diffuser Fleck am 27.11.2011

Der Höllenflug des Kometen (Copyright © 2011 by NASA/STEREO/NRL)

 

16. Dezember, 2 Uhr 30 – die Überraschung ist perfekt: Lovejoy lebt! Irgendwie hat der Komet den Höllenritt durch die mehrere Millionen Grad heiße Korona der Sonne überstanden. Und was mindestens genauso spektakulär ist: amerikanische Raumsonden haben den Höllenritt sogar fotografiert. Der Komet saust über die Sonne wie ein Schneeball übern Grill und hinterlässt eine Dampfspur, die sich sofort verflüchtigt. „Ich war noch nie so glücklich!“, so Karl Battams von Sungrazer-Webseite des US Naval Research Lab. „Seit Tagen kündige ich hier an, dass dieser Komet in die Sonnenatmosphäre eintauchen und verpuffen wird. Doch ich liege falsch. Und ich bin froh darüber! Er ist fast so hell wie zuvor, mit einem großen Schweif.“

Komet Lovejoy saust hinter der Sonne hervor (Copyright © 2011 by NASA/SDO)

SOHO zeigt im Teleskopbild, wie der Komet rechts von der Sonne mit hoher Geschwindigkeit weggeschleudert wird. Er hat kaum an Helligkeit verloren. Im Laufe von nur wenigen Stunden entsteht ein neuer Schweif. Der Sonnenwind bläst ihn in die sonnenabgewandte Richtung.

17. Dezember, Los Altos Hill, Kalifornien, USA. Zwei amerikanische Amateurastronomen melden die erste Sichtung des Kometen nahe der Sonne am Taghimmel. Auch Terry versucht sein Glück. In unmittelbarer Nähe des grellen Sonnenlichts ist der Komet nur schwer auszumachen. Allerdings entfernt er sich mit hoher Geschwindigkeit von der Sonne und sollte sehr bald den Morgenhimmel dominieren. Die Flugbahn des Kometen führt zum südlichen Sternenhimmel. Daher werden leider nur die Menschen auf der südlichen Erdhalbkugel das Ereignis live verfolgen können. Trotzdem ist die Spannung groß. Wird Komet Lovejoy eine Galavorstellung am weihnachtlichen Sternenhimmel geben?

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