Was ist das Leben?

Lichtschein im Eis
Lichtschein im Eis

Was ist das Leben? Die Frage brennt in jedem von uns, ist aber nicht leicht zu beantworten. Das Leben birgt viele Geheimnisse. Aus meiner heutigen Sicht bedeutet das Leben, sich seines Daseins und Wesens sowie der Vielfalt und Schönheit der Welt bewusst zu werden. Dafür musst Du Dich spüren, Deine Umwelt mit allen Sinnen erkunden, Gefühltes verstehen und so der Welt ihre Geheimnisse entlocken. Das erfordert Zeit und Aufmerksamkeit. Das Leben bedeutet außerdem, am „Spiel des Lebens“ teilzunehmen. Dazu gehört es, seine Rolle und Aufgaben zu finden, diese zu gestalten, sich dabei zu beweisen und Erfahrungen zu machen. Ein respekt- und verantwortungsvoller Umgang mit sich und seiner Umwelt helfen, das Leben zu meistern.
„Was war das Leben? Man wusste es nicht. Es war sich seiner bewusst, unzweifelhaft, sobald es Leben war, aber es wusste nicht, was es sei. Was war also das Leben? Es war Wärme… Es war nicht materiell und es war nicht Geist. Es war etwas zwischen beidem, ein Phänomen, getragen von Materie, gleich dem Regenbogen auf dem Wasserfall und gleich der Flamme.“Thomas Mann, „Der Zauberberg“

In der heutigen schnelllebigen Welt kann das Leben leicht in den Hintergrund treten. Wer seine Zeit von A bis Z verplant, verliert das Gespür dafür, dass es noch etwas „Höheres“ gibt. Doch das Leben ist immer da, kann nicht wegrationalisiert werden, und es geht seine eigenen Wege. Besonders in emotionalen Momenten macht das Leben auf sich aufmerksam. Glück und Trauer oder Genuss und Angst spiegeln die Kehrseiten des Lebens wider. Jeder Mensch sollte die wunderbaren Momente in seinem Leben bewusst wahrnehmen und in vollen Zügen genießen, dafür aber auch dankbar sein. Es ist nicht selbstverständlich, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen.

Entspannt auf dem Sofa
Entspannt auf dem Sofa

Ich sitze entspannt auf einem weißgetönten Sofa direkt an den großzügigen Fenstern der im Jungendstil gestalteten Lobby des Berghotels Schatzalp. Ich bin auf einem Kurzurlaub in Davos. Direkt vor meinen Augen erstreckt sich die prächtige alpine Bergwelt bei strahlender Sonne und tiefblauem Himmel. Auf entfernten Pisten ziehen Skifahrer ihre Bahnen an schneebedeckten Hängen, wie Ameisen entlang einer Ameisenstraße. Im tiefen Blau des Himmels über den weißen Berggipfeln segeln Paraglider. Auf der großen, langgestreckten Terrassenfläche des Hotels sitzen zahlreich die Gäste auf Sonnenstühlen und genießen sichtlich den Moment. Kellner servieren Kaffee und Kuchen oder anderen Leckereien. Die wärmenden Sonnenstrahlen lassen die Kälte der winterlichen Landschaft und alle Sorgen verschwinden.

Hotel Schatzalp

Das heutige Hotel Schatzalp war einst ein Nobelsanatorium für die High Society. Das verrät ein Plakat in der Lobby. Genau dort, wo sich die Hotelgäste durch Sonne und gutes Essen verwöhnen lassen, saßen vor etwa einhundert Jahren auf Liegestühlen aneinander gereiht Tuberkulosepatienten. Das Bakterium, das Tuberkulose hervorruft, war durch Robert Koch schon 1882 entdeckt worden, doch es gab noch keine Medikamente. Mediziner hatten jedoch erkannt, dass die saubere Bergluft erregerarm und daher gesundheitsfördernd ist. So wurde Davos 1890 zum Luftkurort und gelangte schnell zu internationaler Bekanntheit.

Die Tuberkulosepatienten mussten dem strikten Plan der Freiluftliegekur folgen und täglich bis zu zehn Stunden auf Liegestühlen an der frischen Luft verbringen. Viele Menschen wurden so geheilt, aber nicht alle schafften es. Leben und Tod waren auf der Schatzalp offensichtlich gleichermaßen präsent. Das fiel auch dem Schriftsteller Thomas Mann auf, als er im Jahr 1912 nach Davos kam. Er besuchte seine Frau Katja, die an einem Lungenleiden litt und über sechs Monate lang im luxuriösen Waldsanatorium in Davos zur Kur ging. Zu der Zeit ließ sich das Jetset Europas in Davos gegen Tuberkulose behandeln. Berichte aus dieser Zeit bezeugen, dass Industrielle, Intellektuelle oder Adelige mit ihren Familien anrückten, und dass Deutsche, Russen und Engländer sogar eigene kleine Kolonien gründeten. So entstand in der Abgeschiedenheit der Schweizer Bergwelt ein Minikosmos aus Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten und Herkunft, die eines einte: ein passives Leben in Luxus und der Kampf gegen den Tod.

Sanatorium Schatzalp

Während seines Aufenthalts beobachtete Thomas Mann die eigenartige Gesellschaft in Davos und verarbeitet seine Eindrücke in dem Roman „Der Zauberberg“. Die Schatzalp wird im Roman konkret erwähnt und diente offenbar als Vorlage für einige Hauptszenen. In der Romangeschichte reist Hans Castorp, Sohn einer Hamburger Kaufmannsfamilie, in die Schweizer Berge nach Davos, um seinen Vetter im Sanatorium „Berghof“ zu besuchen. Der Vetter wird wegen Verdachts auf Tuberkulose behandelt. Castorp ist von dem Leben und der Atmosphäre im Sanatorium auf eigenartige Weise berührt. Er trifft auf weltentfernte Typen, die ihn mit Politik, Philosophie, Liebe, Humanismus und Krankheit konfrontieren. Castorp durchläuft einen Prozess der Erkenntnis und definiert schließlich für sich das Bild des kranken Menschen neu. Er gelangt zu der Ansicht, dass die Krankheit den Menschen geistig veredelt, während gesunde Menschen lediglich einfältig seien. Thomas Mann lässt keinen Zweifel daran, dass er eine gewisse Sympathie mit dem Tod hegte, da Menschen, die den Tod vor Augen haben, zu Formen der Humanität gelangen.

Thomas Mann trifft in seinem Roman einen essentiellen und zugleich schwierigen Punkt. Man kann das Leben nicht verstehen, ohne sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Wir kommen aus dem Tod ins Leben und verlassen irgendwann das Leben wieder in den Tod. Das ist beunruhigend, denn niemand weiß wirklich, was mit uns geschieht und was überhaupt übrig bleibt von dem, was wir im Leben lieb gewonnen haben, wenn wir in den Tod gehen. Diese Frage hat auch Thomas Mann im Zauberberg bewegt. Er beantwortet sie in einem Erlebnis der Hauptfigur des Romans. Während eines Skiausflugs gerät Hans Castorp in ein lebensgefährliches Schneegestöber. Er sucht Schutz im Windschatten eines alten Heuschobers und schläft irgendwann ein. Er fällt in einen Gedankentraum und kommt darin zu einer besonderen Erkenntnis:
Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“
Thomas Mann, „Der Zauberberg“

Es ist nicht einfach, Thomas Mann zu verstehen. Ich meine, dass er uns sagen will, dass alle Gedanken und Taten von Menschen, die sich aus Güte und Liebe ableiten, den Tod überdauern. Das Humanitäre ist das, was Gültigkeit hat und dauerhaft bleibt. Mitnehmen können wir eh nichts.

Auf der Schatzalp
Auf der Schatzalp

Direkt hinter dem Hotel Schatzalp befindet sich der Wasserfall-Rundgang, ein Pfad der direkt in eine dicht bewaldete Naturlandschaft mit Wasserfällen führt. Eine Touristenführerin erklärt mir, dass die Schatzalp ein Kraftort ist, also ein Ort, der eine positive psychische Wirkung im Sinne von Stärkung oder Bewusstseinserweiterung haben soll. Irgendwie passt das ja zum Thema, denke ich mir, und schlage den Weg zum Wasserfall-Rundgang ein. Der schöne weiße Schnee knirscht unter meinen Schuhen beim Gehen. Mit der Zeit dringe ich immer tiefer in den Wald mit seinen hochgewachsenen Tannen und plätschernden Bachläufen ein. Die Sonne blitzt durch das Geäst und lässt den Schnee glitzern. Einzelne Lichtungen erlauben hin und wieder die Sicht auf die majestätische Bergwelt. In dieser intensiven Natur lasse ich meinen Gedanken freien Lauf und komme so Thomas Manns Botschaft näher – bewahre Dir die „Lebensfreundlichkeit“, auch wenn Du vom Tod weißt. Das ist doch ein erstrebenswertes und hoffnungsvolles Ziel im Leben…

Wasserfall-Rundgang

Kommentar verfassen